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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ernst Stadler

Gratia divinae pietatis adesto Savinae / De petra dura perquam sum facta figura
(Alte Inschrift am Straßburger Münster)

Zuletzt, da alles Werk verrichtet, meinen Gott zu loben,
Hat meine Hand die beiden Frauenbilder aus dem Stein gehoben.
Die eine aufgerichtet, frei und unerschrocken –
Ihr Blick ist Sieg, ihr Schreiten glänzt Frohlocken.
5 Zu zeigen, wie sie freudig über allem Erdenmühsal throne,
Gab ich ihr Kelch und Kreuzesfahne und die Krone.
Aber meine Seele, Schönheit ferner Kindertage und mein tief verstecktes Leben
Hab ich der Besiegten, der Verstoßenen gegeben.
Und was ich in mir trug an Stille, sanfter Trauer und demütigem Verlangen
10 Hab ich sehnsüchtig über ihren Kinderleib gehangen:
Die schlanken Hüften ausgebuchtet, die der lockre Gürtel hält,
Die Hügel ihrer Brüste zärtlich aus dem Linnen ausgewellt,
Ließ ihre Haare über Schultern hin wie einen blonden Regen fließen,
Liebkoste ihre Hände, die das alte Buch und den zerknickten Schaft umschließen,
15 Gab ihren schlaffen Armen die gebeugte Schwermut gelber Weizenfelder, die in Julisonne schwellen,
Dem Wandeln ihrer Füße die Musik von Orgeln, die an Sonntagen aus Kirchentüren quellen.
Die süßen Augen mußten eine Binde tragen,
Daß rührender durch dünne Seide wehe ihrer Wimpern Schlagen.
Und Lieblichkeit der Glieder, die ihr weiches Hemd erfüllt,
20 Hab ich mit Demut ganz und gar umhüllt,
Daß wunderbar in Gottes Brudernähe
Von Niedrigkeit umglänzt ihr reines Bildnis stehe.





Entstehungsjahr: 1998-1914
Erscheinungsjahr: 1914
Aus: Der Aufbruch / Die Rast
Referenzausgabe:
Klaus Hurlebusch / Karl Ludwig Schneider: Ernst Stadler. Dichtungen, Schriften, Briefe. Kritische Ausgabe. C. H. Beck, München: 1983, S. 185.
Bemerkungen
Erstdruck in »Der Aufbruch. Gedichte«, Leipzig 1914, S. 81.
Übersetzung des Titels: »Die Gnade Gottes sei mit Sabina, von deren Hand aus hartem Stein gehauen ich als Figur hier stehe.«
Literatur: Schneegans, Louis: Les statues du christianisme et du judaisme. In: Revue d'Alsace, 1851, S. 97ff.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.