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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Hebbel

Auf eine Unbekannte

Die Dämmerung war längst hereingebrochen,
Ich hatt dich nie gesehn, du tratst heran,
Da hat dein Mund manch mildes Wort gesprochen,
In heilgem Ernst, der dir mein Herz gewann.
5 Still, wie du nahtest, hast du dich erhoben
Und sanft uns allen gute Nacht gesagt,
Dein Bild war tief von Finsternis umwoben,
Nach deinem Namen hab ich nicht gefragt.
Nun wird mein Auge nimmer dich erkennen,
10 Wenn du auch einst vorübergehst an mir,
Und hör ich dich von fremder Lippe nennen,
So sagt dein Name selbst mir nichts von dir.
Und dennoch wirst du ewig in mir leben,
Gleichwie ein Ton lebt in der stillen Luft,
15 Und kann ich Form dir und Gestalt nicht geben,
So reißt auch keine Form dich in die Gruft.
Das Leben hat geheimnisvolle Stunden,
Drin tut, selbst herrschend, die Natur sich kund;
Da bluten wir und fühlen keine Wunden,
20 Da freun wir uns und freun uns ohne Grund.
Vielleicht wird dann zu flüchtigstem Vereine
Verwandtes dem Verwandten nah gerückt,
Vielleicht, ich schaudre, jauchze oder weine,
Ists dein Empfinden, welches mich durchzückt!





Entstehungsjahr: 1836
Erscheinungsjahr: 1857
Aus: Gedichte [Gesamtausgabe 1857] / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Hannsludwig Geiger: Friedrich Hebbel. Sämtliche Werke, Bd. 2. Der Tempel-Verlag, Berlin / Darstadt: 1961, S. 71.
Bemerkungen
Die Entstehungsdaten sind mangels Kommentierung der Ausgabe aus »Fricke et al: Friedrich Hebbel. Werke. 1965« entnommen

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.