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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Detlev von Liliencron

Wer weiß wo
(Schlacht bei Kolin, 18. Juni 1757)

Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,
Auf roßzerstampften Sommerhalm
Die Sonne schien.
Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,
5 Und mancher kehrte nicht nach Haus
Einst von Kolin.
Ein Junker auch, ein Knabe noch,
Der heut das erste Pulver roch,
Er mußte dahin.
10 Wie hoch er auch die Fahne schwang,
Der Tod in seinen Arm ihn zwang,
Er mußte dahin.
Ihm nahe lag ein frommes Buch,
Das stets der Junker bei sich trug,
15 Am Degenknauf.
Ein Grenadier von Bevern fand
Den kleinen erdbeschmutzten Band
Und hob ihn auf.
Und brachte heim mit schnellem Fuß
20 Dem Vater diesen letzten Gruß,
Der klang nicht froh.
Dann schrieb hinein die Zitterhand:
»Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand:
Wer weiß wo.«
25 Und der gesungen dieses Lied,
Und der es liest, im Leben zieht
Noch frisch und froh.
Doch einst bin ich, und bist auch du
Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh,
30 Wer weiß wo.





Entstehungsjahr: 1859-1909
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte / Zwischen Krieg und Frieden
Referenzausgabe:
Benno von Wiese: Detlev von Liliencron. Werke, Bd. 1. Insel Verlag, Frankfurt am Main: 1977, S. 184.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.