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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Hugo von Hofmannsthal

Erlebnis

Mit silbergrauem Dufte war das Tal
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
5 Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken
Und still versank ich in dem webenden
Durchsicht’gen Meere und verließ das Leben.
Wie wunderbare Blumen waren da
10 Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich,
15 Obgleich ich’s nicht begreife, doch ich wußt es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.
                                                Aber seltsam!
20 Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
25 Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber,
Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
30 Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer –
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben fremdgeformten Riesensegeln.





Entstehungsjahr: 1892
Erscheinungsjahr: 1892
Referenzausgabe:
Eugene Weber (Bd. 1): Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe, Bd. 1. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main: 1984, S. 31.
Bemerkungen
Erstdruck im zweiten Band der ersten Folge »Blätter für die Kunst« im Dezember 1892.

Gedicht eingearbeitet von: Cláudia Nunes da.