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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Hugo von Hofmannsthal

Lebenslied

Den Erben lass verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau
Das Salböl aus den Händen
Der todten alten Frau!
5 Die Todten, die entgleiten,
Die Wipfel in dem Weiten,
Ihm sind sie wie das Schreiten
Der Tänzerinnen werth!
Er geht, wie den kein Walten
10 Vom Rücken her bedroht.
Er lächelt, wenn die Falten
Des Lebens flüstern: Tod!
Ihm bietet jede Stelle
Geheimnissvoll die Schwelle,
15 Es gibt sich jeder Welle
Der Heimatlose hin!
Der Schwarm von wilden Bienen
Nimmt seine Seele mit,
Das Singen von Delphinen
20 Beflügelt seinen Schritt:
Ihn tragen alle Erden
Mit mächtigen Geberden,
Der Flüsse Dunkelwerden
Begrenzt den Hirtentag!
25 Das Salböl aus den Händen
Der todten alten Frau
Lass lächelnd ihn verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau:
Er lächelt der Gefährten, -
30 Die schwebend unbeschwerten
Abgründe und die Gärten
Des Lebens tragen ihn!





Entstehungsjahr: 1896
Erscheinungsjahr: 1896
Referenzausgabe:
Eugene Weber (Bd. 1): Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe, Bd. 1. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main: 1984, S. 63.
Bemerkungen
Erstdruck 1896 in »Wiener Rundschau«, dort ohne Titel.

Gedicht eingearbeitet von: Cláudia Nunes da.