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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Friedrich Kind (Oscar)

Der Stieglitz

    Wann ich so auf mein Leben schau',
Erwägend, wie's doch sey gekommen,
Daß Waldesgrün und Himmelsblau
5 Und Morgenroth und Abendthau
Mir mehr, als Rang und Mammon, frommen,
Der Wachtelschlag die Brust erregt,
Der Blumen Schmelz mich süß bewegt,
Kurz Alles, was sich sonnt im Licht,
10 So eng befreundet zu mir spricht;
Da zeigt sich auch ein Vogelherd
Vor anderm meinem Herzen werth,
Zu dem ich oft, der Huth entronnen,
Mit Morgengrau'n den Lauf begonnen;
15 Da stellt sich mir ein Hüttchen dar,
Das ganz am End' des Dörfchens war,
Geschmückt an seinen armen Mauern
Mit Tannenreis und Vogelbauern;
Rothkehlchen fliegt, es schnarrt der Staar;
20 Der Rabe heißt mich schön willkommen,
Dem man der Zunge Band genommen.
    Dort wohnt' ein alter Vogelfänger,
Ein Diogen in Wort und That,
25 Der tief im Wald die muntern Sänger
Zu reichbesetzter Tafel bat;
Doch heut' verzehrten sie die Beeren
Und ließen morgen sich verzehren.
    Der Greis mit rauhem Rock und Bart
30 War etwas gröblich-finstrer Art
Und just kein Freund von Knabenfragen;
Ja, wenn noch vor geglücktem Fang
Ich oft schon jubelte und sprang,
Erfaßt' er unsanft mich beim Kragen.
35 Doch schnitzt' er Käfige daheim,
Dann sprach er wohl bei guter Stunde,
Den schwarzen Pfeifenstumpf im Munde,
Manch Waidsprüchlein, mach alten Reim,
Und thät mir Kriegs- und Mordgeschichten
40 Mit unverdroßner Müh' berichten.
    Einst, da's zum Glück noch Mutterheller
In den oft leeren Taschen gab,
Kauft' ich dem alten Vogelsteller
Fast bettelnd einen Stieglitz ab.
45 »Da nimm ihn!« - sprach er - »'s ist nicht theuer,
Ich kriegte wohl noch ein'ge Dreier;
Sieh' ihn nur an! o welche Pracht!
Ja, die hat Gott im Spaß gemacht.«
    »Was heißt das?« frug ich, und der Alte
50 Versetzte schmunzelnd: »Setz' Dich her;
So unser Einer lebt im Walde,
Und hört von Jägern manche Mähr;
So will ich Dir's denn wieder sagen,
55 Wie sich das Ding hat zugetragen.
    Als Gott der Herr die Vöglein schuf,
Ich denk' am fünften Schöpfungstag,
Da standen sie so Stuf' zu Stuf',
Wie man sie jetzt noch sehen mag,
60 Der Dompfaff', Rothschwanz, Meis' und Fink,
G'nug, Adler bis zum Zitscherling,
Doch all' noch erdfahl, todt und stumm,
Um seinen Arbeitsstuhl herum,
Wie wohl ein Gypsmann sie zum Kauf
65 Jetzt stellt in seiner Werkstatt auf.
    Da nahm der Schöpfer Scherb' und Topf
Und mengte bunte Farben ein,
Bemalte dem den Hals und Kropf,
Und jenem Brust und Flügelein;
70 Die Tauben malt' er weiß und blau,
Setzt' Augen in den Schweif dem Pfau;
Den Gimpel und den Goldfasan
Strich er fein rot und goldgelb an.
Bald waren all' die Töpfe leer,
75 Und nichts gab's für den Stieglitz mehr.
    Drauf blies der Herr den Vögelein
Alsbald lebend'gen Odem ein,
Und sieh'! mit fein und grobem Sang
80 Purrt' Alles auf zum Bergeshang,
Wie wohl, wenn deine Hand es scheucht,
Das Spatzenvolk vom Futter fleucht.
    Der Stieglitz nur blieb still zurück,
Erhob zum Herrn gar trüb' den Blick,
85 Reckt' auf das Hälslein und die Zeh'n,
In jede leere Scherb' zu sehn,
Und sprach: »Ja, die sind grün und blau,
Ich armes Thier ganz aschengrau;
Soviel, als noth zu meiner Zier,
90 W?r' wohl noch in den Töpfen hier;
Schau', Herr! hier ist noch Roth im Topf« -
Gleich gab ihm Gott ein'n Klecks auf'n Kopf -
»Hier gibt's noch etwas Weiß vom Schwan« -
Gleich strich's ihm Gott am Flügel an -
95 »Auch was Citrongelb ist noch hier« -
»»Du Bettler, nun so nimm es dir!«« -
»Da gibt's auch Ruß noch, schwarz, wie Nacht,
Womit du Raben hast gemacht.« -
»»Du närr'scher Kerl!«« spricht Gott und lacht -
100 »»Nun, wenn du mußt von Allem ha'n,
So kleb' ich dir auch das noch an!««
    »So, Kleiner, hat der liebe Gott -
's ist wirklich wahr, kein Waidmannsspott -
Mit Farb' den Stieglitz aufgefrischt,
105 An ihm die Pinsel ausgewischt.
Drum denk' ich jeden Morgen dran,
Bin ich gleich nur ein armer Mann,
Bin zu gering selbst für den Spittel,
110 Sink' ich nur schlecht und recht in's Grab,« -
Hier zog er fromm sein Käppchen ab -
»So zieht mir Gott dort für den Kittel, -
Er hat's dem Stieglitz ja gethan -
Wohl auch das Kleid der Ehren an.«





Entstehungsjahr: 1783-1844
Erscheinungsjahr: 1844
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Familien-Bibliothek der Deutschen Klassiker. Eine Anthologie in 100 Bänden. Neun und neunzigster Band., Bd. 99. Verlag des Bibliographischen Instituts, Hildburghausen und Amsterdam: 1844, S. 107-111.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.