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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Rückert (Reimar / Reimer)

Kinderlied von den grünen Sommervögeln

Es kamen grüne Vögelein
    Geflogen her vom Himmel,
    Und setzten sich im Sonnenschein
    In fröhlichem Gewimmel
5     All' an des Baumes Äste,
    Und saßen da so feste,
    Als ob sie angewachsen sein.
Sie schaukelten in Lüften lau
    Auf ihren schwanken Zweigen;
10     Sie aßen Licht und tranken Tau
    Und wollten auch nicht schweigen,
    Sie sangen leise, leise
    Auf ihre stille Weise
    Von Sonnenschein und Himmelblau.
15 Wenn Wetternacht auf Wolken saß,
    So schwirrten sie erschrocken;
    Sie wurden von dem Regen naß,
    Und wurden wieder trocken;
    Die Tropfen rannen nieder
20     Vom grünenden Gefieder,
    Und desto grüner wurde das.
Da kam am Tag der scharfe Strahl,
    Ihr grünes Kleid zu sengen,
    Und nächtlich kam der Frost einmal,
25     Mit Reif es zu besprengen.
    Die armen Vöglein froren,
    Ihr Frohsinn war verloren,
    Ihr grünes Kleid ward bunt und fahl.
Da trat ein starker Mann zum Baum,
30     Und hub ihn an zu schütteln,
    Vom obern bis zum untern Raum
    Mit Schauer zu durchrütteln;
    Die bunten Vöglein girrten
    Und auseinander schwirrten;
35     Wohin sie flogen, weiß man kaum.





Entstehungsjahr: 1820-1840
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Erste Abteilung: Lyrik / Pantheon, Erste Lese
Referenzausgabe:
Conrad Beyer: Friedrich Rückerts Werke in sechs Bänden, Bd. 1. Max Hesses Verlag, Leipzig: o. J., S. 52-53.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.