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Gedicht in Druckansicht: schwarz/wei

Max von Or

Die Glocken zu Speier

    Zu Speier im letzten Häuselein
Da liegt ein Greis in Todespein,
Sein Kleid ist schlecht, sein Lager hart,
Viel Thränen rinnen in seinen Bart.
5     Es hilft ihm Keiner in seiner Noth,
Es hilft ihm nur der bittre Tod!
Und als der Tod an's Herze kam,
Da tönt's auf einmal wundersam.
    Die Kaiserglocke, die lange verstummt,
10 Von selber dumpf und langsam summt,
Und alle Glocken groß und klein
Mit vollem Klange fallen ein.
    Da heißt's in Speier weit und breit:
Der Kaiser ist gestorben heut'!
15 Der Kaiser starb, der Kaiser starb!
Weiß Keiner, wo der Kaiser starb?
    Zu Speier, der alten Kaiserstadt,
Da liegt auf goldner Lagerstatt
Mit mattem Aug' und matter Hand
20 Der Kaiser Heinrich, der Fünfte genannt.
    Die Diener laufen hin und her,
Der Kaiser röchelt tief und schwer;
Und als der Tod an's Herze kam,
Da tönt's auf einmal wundersam.
25     Die kleine Glocke, die lange verstummt,
Die Armesünderglocke summt,
Und keine Glocke stimmet ein,
Sie summet fort und fort allein.
    Da heißt's in Speier und weit und breit:
30 Wer wird denn wohl gerichtet heut'?
Wer mag der arme Sünder sein?
Sag an, wo ist der Rabenstein?





Entstehungsjahr: vor 1838
Erscheinungsjahr: ?
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Balladen und Romanzen von Max von Or. Verlag der Müller'schen Buchhandlung, Erfurt: 1837, S. 51-52.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.