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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Carl Bernhard von Trinius

Der Norfalls Thurm
Nach dem Englischen von Lewis

Was jagt euch, Wand'rer, aus wirthlichem Dach?
War weich nicht Euer Bettlein, und warm das Gemach?
Zwölf Uhr hat's geschlagen auf Norfalls Thurm.
Wie gießt's mit Regen! wie sauset der Sturm!
5   »Und graust Dich nicht, Wächter, die heulende Wuth?
Und hörst Du des Regens unendliche Fluth?
Wohl ehe der Morgen die nacht durchbricht,
Stürzt über uns krachend Norfalls Gewicht!«
  So kehret nur, Wand'rer, geruhig nach Haus,
10 Wißt, das ist Wolkenkönigs Gebraus!
Wolkenkönigs, der nimmer der Rache vergißt,
Alljährlich kehrt er zur selbigen Frist.
  Denn also begab sich's: als Abends er fuhr
Auf Sturmwinds Flügeln, um Thule's Flur,
15 Gewahrt' er, sausend um Norfalls Burg,
Ein Fräulein die hellen Fenster hindurch.
  In Blick und Geberde thut Stolz sich kund
Und zornige Rede schwellt höhnisch den Mund;
Doch ihr zu Füßen, bewegt und bemüht,
20 Ein Edelknabe süß blickend kniet.
  »O neigst Du mir nimmer Dein Auge voll Huld?
Und fehlt' ich vermessen, wer straft wohl die Schuld?
Wer sieht Dich, und fühlt nicht des Zaubers Gewicht?
Wer ist, der ein Herz hat, und giebt es Dir nicht?«
25   »Wohl bet' ich Dich an, ich bekenn' es, und sag's,
Dich, Traumbild der Nacht! Dich Gedanke des Tags.
Doch nimmer, o Hohe, mein frommer Sinn
Begehrt der irdischen Liebe Gewinn!«
  »Der Pilger, er wallt zur Marien-Kapell',
30 Und küßt voll Demuth die heilige Schwell';
Er rührt von Fern an das himmlische Kleid;
So, Hohe! so hab' ich mein Herz Dir geweiht.«
  Doch stolz und hoch sich die Schöne vermißt:
»Was wagst du, Knabe, mit keckem Gelüst?
35 Wohl mancher König aus nordischem Land
Hat sonder Erhörung mir Liebe bekannt.«
  »Verbirg Dich, Verweg'ner! der athme den Tod,
Deß Lippe die schöne Hand mir bedroht,
Die schöne, so nimmer den sterblichen Mann
40 Mit Wonnen des Staubes beseligen kann.«
  »Der Sylphen der Lust, der Elfen im Thal
Ein mächtiger König sei mein Gemahl!
Und lös't er nicht zween Gebote mir gleich,
Hält doch mich nimmer sein machtlos Reich!«
45   Und wie das Wort von der Lippe gefloh'n
Bebt Norfalls Burg, und mit Scepter und Kron'
Steht Wolkenkönig, von Brausen umwallt,
In Donner und Blitz vor der bleichen Gestalt.
  »Du hochgesinnte, es ist Dir gewährt,
50 Was Dir hochherrschend Dein Herz begehrt.
Was bietet von Staub Dir der zitternde Wurm?
Ich bringe zum Brautschatz Donner und Sturm!«
  »Und wie Du kühnlich auf Hohes gebaut,
Führt Wolkenkönig Dich heim als Braut,
55 Und löst er Dir zween Gebote nicht gleich,
So halte Dich nimme sein machtlos Reich!«
  Und spricht's, und packt sie im Wibelwind
Und flieht mit der sträubenden Beute geschwind,
Bis hoch in Lüften ihr bebendes Ohr
60 Des treuen Knaben Klage verlor.
  Jetzt mit ihr ruhend in seinem Palast,
Der Geist sie streichelt, unlieblich fast.
»Muß jetzt, Fein-Lieb, den Herren im Reich
Mein' Hochzeit melden, daß sie kommen zugleich!«
65   Flugs drei Mal im Wirbel sich reißt er, und rauft
Drei Haar' aus dem Barte von Nebel betrauft,
Und sprützet hervor drei Tröpflein Blut
Und zündet's zusammen bei Blitzes Glut.
  Sieh! plötzlich daher auf feuchtem Roß
70 Ein weißer Reiter die Luft durchfloß;
Die Mutter hinten, die alte Fey,
Eine Perlenschaale trägt sie herbei.
  »Heil, Wolkenkönig! ich bringe zum Mahl
(Spricht Wasserkönig) eine frische Schaal',
75 Der schönen Müllerinn purpurnes Blut;
Ich zerrt' sie herunter in meine Fluth.«
  Und wieder ein Wagen ansauset weich,
Erlkönig mit seinen Töchtern zugleich.
Thalelfen umreiten auf Heimchen, gebäumt,
80 Und geißeln den Alp, der huckend säumt.
  »Heil, Wolkenkönig, ich bringe zum Mahl
(Spricht Erlkönig) eine frische Schaal':
Eines Knäbleins Herz, noch zappelnd und warm;
Ich kneipt' und würgt' es in Vaters Arm.«
85   Und wieder saust es, und prasselt heran,
Gluthrother Drachen schnaubend Gespann,
Und Salamander umschlängeln im Reif
Der gelben Lohe Purpurschweif.
  »Heil, Wolkenkönig! Dein Tisch ist besetzt,
90 (Spricht Feuerkönig) so komm' ich zuletzt.
Drum her die Dirn', und lustig zum Mahl!
Es ist die Nahrung dem Feuer schmal.«
  Laut auf Romhilda vor Schrecken schreit,
Verlassen in gräßlicher Einsamkeit.
95 »So hast Du, die kühnlich den Geistern geglaubt,
Zum Mahl für Larven der Wüste geraubt!«
  »»Ringst, Lieb, umsonst die Händlein wund,
Es ist der Dämonen alter Bund;
Die willig in Geisterumarmung geruht,
100 Man schmaust sie behaglich, und saugt ihr Blut.««
  »Nie Scheusal! erfüllst Du den schrecklichen Bund,
Bis Du mir den meinen erfüllet zur Stund.
Denn lös'st Du nicht zween Gebote mir gleich,
So hält mich nimmer Dein machtlos Reich.«
105   »»Ei, Lieb, das macht uns nicht warm, nicht kalt;
Nur frisch gefordert, ich bring's alsbald.««
Sie sinnt und besinnt sich, das zitternde Kind,
Und prüft, und wählt und erwählet geschwind:
  »Der treu mich liebet, den will ich seh'n!«
110 Und vor sich sieht sie den Knaben steh'n,
Sein Herz voll Liebe, ihr Herz voll Lust,
Und drückt ihn innig an ihre Brust.
  »Den treuen Liebenden zeigst Du mir; doch
Jetzt einen Treueren zeige mir noch!« –
115 Ein heulend Kreischen zerreißt die Luft
Und Spuk und Zauber zerrinnt in Duft.
  Die Morgensonne bricht hell hindurch;
Romhilde ruhet auf Norfalls Burg,
Und ihr im Arme der holde Knab',
120 Dem treu sie Hand und Leben ergab.
  Doch wenn des Herbstes Gleiche erscheint,
Spukt um die Fenster der alte Feind.
D'rum laßt ihn sausen, so kraus er will,
Wenn Morgen anbricht, wird alles still.





Entstehungsjahr: 1820-1848
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte späterer Periode vom Jahre 1820 an
Referenzausgabe:
Herausgegeben von zweien seiner Freunde: Gedichte von Dr. Carl Bernhard Trinius. Verlag von G. Reimer, Berlin: 1848, S. 105-110.
Bemerkungen
Das Entstehungsdatum des Textes ist mangels weiterer Informationen an den Lebensdaten des Autors angelehnt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.