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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling

Die letzten Worte des Pfarrers zu Drottning auf Seeland

Die müden Glieder neigen sich zur Erde,
    Und bald kann ich dieß Schweigen nicht mehr brechen;
    Es sieht mich an mit flehender Geberde
Das stumme Bild, und dringt mich noch zu sprechen.
5     Warum, o Erde, hatt'st du keinen Mund,
    Und warst so träg die Frevelthat zu rächen?
Ihr ew'gen Lichter, die des Himmels Rund,
    So weit es reicht, mit stummem Glanz erfüllen,
    Ist das Verbrechen auch mit euch im Bund?
10 Kann nur der Mensch, was er gesehn, enthüllen,
    Warum denn konnten mir die Zunge binden
    Ein falscher Eidschwur und ein feiger Willen?
Laß mich nicht sterben, Gott, in meinen Sünden,
    Nimm diese Last von der gedrückten Seele,
15     Und laß dieß Blatt den rechten Leser finden,
Daß es der Zeit, die kommen wird, erzähle,
    Was ich gesehn, und nicht in ew'ger Nacht
    Ein Grab mit mir die Gräuelthat verhehle.
Es war in tiefer dunkler Mitternacht,
20     Wann kräft'ger der Gedanke sich entzündet;
    Als einsam ich beim Wort des Herrn gewacht,
Auf daß am nächsten Morgen ichs verkündet',
    Daß unversehns zwo dräuende Gestalten
    (Wie es geschehn, hab ich noch nie ergründet),
25 Indem ich sinnend sitze, vor mir halten,
    Schwarz wie die Nacht und ihre dunkeln Mächte.
    Wo war't ihr da, ihr schirmenden Gewalten?
War abgewendet eure heil'ge Rechte,
    Dem Frommen eine feste Burg und Mauer
30     Vor bösem Anlauf und Gefahr der Nächte?
Schon sank ich in des sichern Todes Trauer;
    Die Seele wandte sich zum ew'gen Lichte,
    Die Glieder aber löste kalter Schauer.
Doch während so das Härtste ich erdichte,
35     Das Aeußerste zu dulden schon mich rüste,
    Geschah es mir, wie ich wahrhaft berichte.
Es ist ein Ort, nicht fern der Meeresküste,
    Verwittwet steht der Kirche alt Gemäuer
    In des Gefildes dürrer sand'ger Wüste,
40 Seit Gottes Hand an eines Sonntags Feier
    Das alte Dorf durch Sturm und Meeresbraus
    Bedeckte mit des Sandes dichtem Schleier.
Dahin zu kommen in dem nächt'gen Graus
    Befahl der eine. »Willst die Glieder laben,
45     So folge mir zu spätem Hochzeitschmaus.
Du kannst das wohl nicht alle Tage haben«.
    Der andre sprach: »Nimm dieses Gold und eile;
    Wo nicht, so bist du morgen schon begraben«.
Indem ich mich bedenkend noch verweile,
50     Werd' mit Gewalt und Dräun ich fortgezogen;
    Der Weg ist wohl von einer halben Meile.
Die Sterne standen an des Himmels Bogen,
    Sonst war die Nacht von keinem Lichte heiter,
    Und fernher tosten dumpf die Meereswogen.
55 Doch unsres Weges einz'ger sichrer Leiter
    War ferner Laut, wie ich ihn nie vernommen;
    Denn schnell durchs Dunkel gingen die Begleiter.
Und als wir endlich näher nun gekommen
    Dem Ziel der Reise, hielten die Gefährten;
60     Und mehr und mehr ward mir das Herz beklommen.
Sie sprachen miteinander durch Geberden,
    Drauf gaben sie den Augen eine Hülle,
    Wodurch sie nur die innre Nacht vermehrten.
Ich wurde nun in meiner Seele stille,
65     Und wiederholte gläubig stets die Worte
    Voll Trost und Kraft: Herr, es gescheh' dein Wille!
Und bald gelangt' ich zu dem stillen Orte,
    Wohin so oft voll Andacht ich gegangen,
    Und auf ein Zeichen öffnet sich die Pforte.
70 Von andern Händen werd' ich da empfangen;
    Obwohl geblendet kenn' ich alle Schritte,
    Und weiß, daß zum Altare wir gelangen.
Ich hört' Geräusch, als wären's Menschentritte,
    Und leise Laute durch die Stille schweben,
75     Doch hatt' ich Muth zur Drohung nicht, noch Bitte.
Jetzt aber schien die Ruhe aufzuleben.
    Schon war ich meiner Sinne nicht mehr Meister,
    Und dachte: nun wird sichs zum Ende geben.
So machte Furcht und Schrecken selbst mich dreister,
80     Daß ich die Stimme herzhaft so erhoben:
    »Seyd abgeschiedne ihr, doch gute Geister,
Die Gott den Herrn und Jesum Christum loben,
    So sprecht, was treibt euch noch zurückzukehren
    In diese Welt von jener Welt dort oben?
85 Doch seyd ihr nicht aus jenen sel'gen Sphären,
    Wer gab euch Macht, euch also zu erfrechen,
    Die heil'ge Ruhe dieses Orts zu stören?«
Doch hört' ich, kaum war dieß vergönnt zu sprechen,
    Ein schrecklich Wort mir an das Ohr getragen,
90     Und stark wie Felsen durch das Herz mir brechen.
Es galt nicht weder Fragen mehr noch Klagen,
    Ich konnte meinen Willen nicht mehr regen,
    Denn selbst die Kraft des Wollens war zerschlagen.
Die Hülle fällt, und schon steht mir entgegen
95     Das junge Brautpaar, harrend am Altare,
    Und wartend auf den priesterlichen Segen;
Das Mädchen mit dem frischen Kranz im Haare,
    Zwar schön, doch bleich, als käm' sie aus dem Grab,
    Der Jüngling in der ersten Blüth' der Jahre.
100 Und hinter ihnen weiter noch hinab
    Sah ich beim hellen Schimmerglanz der Lichter
    Im mittlern Gang ein frisch geöffnet Grab.
Und nah und fern ein Volk, das dicht und dichter
    Sich wölkte, als es jemals sonst gewesen.
105     Es waren eigne seltsame Gesichter,
Worin man glaubt ein fernes Land zu lesen;
    Doch ihre Herkunft war nicht auszuwittern,
    So fremd und unbekannt war Tracht und Wesen.
Und alsbald hör' ich durch die Kirche zittern
110     So Orgelton als sonderbare Klänge,
    Dergleichen auch den stärksten Sinn erschüttern.
Und als verstummten Orgel und Gesänge,
    An Sprach' und Weise keinen zu vergleichen,
    Sah ich zum Altar drängen sich die Menge,
115 Das Mädchen gegen mich sich freundlich neigen,
    Mit einem Blick – ich werd' ihn immer schauen –
    Und dieser Blick schien mir ein willig Zeichen.
Darob ergriff ich ohne Furcht und Grauen
    Des Mädchens kalte todtenblasse Hand,
120     Um sie dem schönen Jüngling anzutrauen.
Wie war's, daß ich das Zittern nicht verstand,
    Als ihre Hand zu seiner sich gewendet?
    Und warum knüpft' ich solch unselig Band?
Kaum war der letzte Segensspruch vollendet
125     (In griech'scher Zunge, wie man mir befohlen),
    So wurden mir die Augen neu verblendet,
Woraus sich Thränen nicht umsonst gestohlen.
    So schied mein Blick von der vermählten Braut.
    Dann ließen sie ein Crucifix sich holen,
130 Auf das ich mußt' mit heller Stimm' und laut
    Ein ewig Schweigen dieser Nacht geloben,
    Mit einem Schwur, ob dem mir jetzt noch graut.
Dieß war mir noch die härteste der Proben,
    Und als auch diesen Zwang ich überstanden,
135     Ward ich zur Kirche still hinausgeschoben.
Nun frei, löst' ich sogleich mich von den Banden,
    So mir die Augen starr und fest umzogen,
    Die sich alsbald empor zum Himmel wandten.
Die Sterne standen noch am Himmelsbogen,
140     Sie sahen auf des alten Dorfes Trümmer,
    Und näher brausten laut die Meereswogen;
Und in der Kirche war noch schwacher Flimmer,
    Doch bald drauf sah ichs dunkel drinnen werden,
    Und es erstarb des Lichtes letzter Schimmer.
145 So legt', ermüdet von der Nacht Beschwerden,
    Kraftlos und schwach, um weiter noch zu wallen,
    Ich eine Weile nieder mich zur Erden.
Noch eine Weile, und ich hör' ein Schallen:
    Es trug der Wind es von der Kirch' herüber,
150     Es däuchte mir, als wär' ein Schuß gefallen.
Darob ergriff mich Schaur und kaltes Fieber,
    In allen Gliedern schien es mich zu packen,
    Ich sah noch einmal in die Nacht hinüber,
Dann wandt' ich eilig ihr die flücht'gen Hacken,
155     Und fliehend schnell durch Dornen, Schilf und Moor,
    Als säße Tod und Hölle mir im Nacken,
Kam ich vor meines Hauses offnes Thor.
    Dort warf der Schrecken mich gewaltsam nieder,
    Doch früh am Morgen riß es mich empor.
160 Nicht Ruh noch Rast für die zerschlagnen Glieder!
    Noch eh' die Sonn' emporstieg an dem Himmel,
    Stand ich schon vor der alten Kirche wieder.
Verschwunden war der dunkeln Nacht Gewimmel,
    Die Kirche färbte sich mit goldnem Saume.
165     Es legte sich der Sinne wild Getümmel.
Mir war's, als wacht' ich auf aus einem Traume.
    War es des heitern Morgens frische Kühle,
    Die alte Still' in diesem heil'gen Raume,
War es der Trost der himmlischen Gefühle,
170     Die dieser Ort so oft auf mich ergossen
    In mancher Leiden schwerer banger Schwüle?
Mir war die Nacht wie ein Gesicht zerflossen.
    Aufs neue war das Herz dem Glauben offen,
    Und schon hatt' ich die Kirche aufgeschlossen.
175 Der erste Punkt, auf den das Aug' getroffen,
    Ist jener Ort, wo ich das Grab erblickt:
    Ich gehe hin und öffn' es stark im Hoffen,
So tief ist mir das Zutraun eingedrückt.
    Ich öffn' und finde – o ihr ew'gen Wunden!
180     Ihr ew'gen Dolche, die auf mich gezückt! –
Die bleiche Braut, so ich dem Tod verbunden. –
    Warum hat euch, ihr allzutreuen Augen,
    Nicht schwarze Nacht auf immer gleich gebunden?
O Herz, woran so viele Qualen saugen,
185     Was hinderte dich damals abzusterben?
    Ihr Lippen, die noch Lebensathem hauchen,
Was hielt euch ab, euch damals zu entfärben?
    O Kräfte, die allmählich mich zerstören,
    Was wehrt' euch, damals gleich mich zu verderben?
190 Und so viel Jahre mußt' ich in mir nähren
    Das traurige Geheimniß, das mich quälet,
    Und so mir selbst den Weg zu Gott verwehren!
Indeß der Tod schon meine Stunden zählet,
    Und vor mich stellt in jedem Schreckensbild
195     Die Braut der Nacht, die ich ihm einst vermählet.
O selig jeder, welchem sanft und mild
    Aus reinem Sinn und fröhlichem Gewissen
    In innrer Brust der Friede Gottes quillt!
Und diesen Frieden mußt' ich lange missen.
200     O Quell des Heiles, unerschöpfter Born,
    Von dem der Gnade reiche Ströme fließen!
Wend' ab von mir den lang getragnen Zorn,
    Laß schlafen endlich, laß sich endlich brechen
    Des Herzens Noth und des Gewissens Dorn.
205 Dir ziemt es, das Verborgene zu rächen,
    Und neigst dich auch des Sünders frommen Bitten.
    Laß diese Schrift zur fernen Zukunft sprechen,
Und nimm mich auf in deine ew'gen Hütten.





Entstehungsjahr: vor 1802
Erscheinungsjahr: 1801
Aus: 1833-1850 / Gedichte und metrische Übersetzungen
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Friedrich Wilhelm Joseph von Schellings sämmtliche Werke, Bd. I, 10. J. G. Cotta'scher Verlag, Stuttgart und Augsburg: 1861, S. 431-437.
Bemerkungen
Bemerkung des Herausgebers:
»Dieses Gedicht, so wie die zwei folgenden, stand im Musenalmanach für das Jahr 1802, herausgegeben
von A. W. Schlegel und L. Tieck, mit dem Namen Bonaventura unterzeichnet.«

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.