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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

David Friedrich Strauß

An Rapp

Du nimmst als Strebenden
Den kranken Mann,
Siehst als noch Lebenden
Den Todten an.
5 O rufe nicht zur Wehr,
Mich nicht zum Thun;
Mir ziemt kein Kämpfen mehr,
Mir ziemt nur Ruhn.
Lieg ich im Bette hier
10 Wie in der Gruft,
Steigt der Gedanke mir
Hoch in die Luft;
Ich überschau' als Schwan
Mit Vogelblick
15 Des Lebens wirre Bahn
Und mein Geschick.
Nicht war, was ich geschafft,
Allwege gut.
Ach, bald gebrach's an Kraft
20 Und bald an Muth.
Hier von des Glückes Huld
Ward ich begrüßt;
Dort hab' ich eigne Schuld
Wie schwer gebüßt.
25 Das, halb im Traume, geht
An mir vorbei,
Mein Leben ist verweht,
Und ich bin frei.
Was blieb dir, Seele, nun,
30 Als daß mit Ernst
Du in dir selber ruhn?
Du sterben lernst?
                     Dec. 1873





Entstehungsjahr: 1873
Erscheinungsjahr: 1877
Aus: Poetisches Gedenkbuch / Aus dem Krankenzimmer 1873
Referenzausgabe:
Eduard Zeller: Gesammelte Schriften von David Friedrich Strauß, Bd. 12. Emil Strauß, Bonn: 1877, S. 216-217.
Bemerkungen
Strauß hat einige Gedichte mit dem Titel »An Rapp« geschrieben. Dieses hier wird auch gerne unter dem Titel »Abschied« geführt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.