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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Wolfgang von Goethe

Dauer im Wechsel

Hielte diesen frühen Segen
Ach nur Eine Stunde fest!
Aber vollen Blütenregen
Schüttelt schon der laue West.
5 Soll ich mich des Grünen freuen?
Dem ich Schatten erst verdankt;
Bald wird Sturm auch das zerstreuen,
Wenn es falb im Herbst geschwankt.
Willst du nach den Früchten greifen;
10 Eilig nimm dein Teil davon!
Diese fangen an zu reifen
Und die andern keimen schon;
Gleich, mit jedem Regengusse,
Ändert sich dein holdes Tal,
15 Ach! und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal.
Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,
Mauern siehst du, siehst Paläste
20 Stets mit andern Augen an.
Weggeschwunden ist die Lippe,
Die im Kusse sonst genas,
Jener Fuß, der an der Klippe
Sich, mit Gemsenfreche, maß.
25 Jene Hand, die gern und milde
Sich bewegte wohlzutun,
Das gegliederte Gebilde,
Alles ist ein andres nun.
Und was sich, an jener Stelle,
30 Nun mit deinem Namen nennt,
Kam herbei, wie eine Welle,
Und so eilt's zum Element.
Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in Eins zusammenziehn!
35 Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberfliehn.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt,
Den Gehalt in deinem Busen
40 Und die Form in deinem Geist.





Entstehungsjahr: vor 1806
Erscheinungsjahr: 1815
Aus: Die Sammlung von 1815 / Gesellige Lieder
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 2. Klassiker-Verlag: 1988, S. 78-79.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.