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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Wilhelm Heinrich Wackenroder

[Siehe wie ich trostlos weine]

Siehe wie ich trostlos weine
In dem Kämmerlein alleine,
    Heilige Cäcilia!
Sieh' mich aller Welt entfliehen,
5 Um hier still vor Dir zu knieen:
    Ach ich bete, sey mir nah!
Deine wunderbaren Töne,
Denen ich verzaubert fröhne,
    Haben mein Gemüth verrückt.
10 Löse doch die Angst der Sinnen, –
Laß mich in Gesang zerrinnen.
    Der mein Herz so sehr entzückt.
Möchtest Du auf Harfensaiten
Meinen schwachen Finger leiten,
15     Daß Empfindung aus ihm quillt;
Daß mein Spiel in tausend Herzen
Laut Entzücken, süße Schmerzen,
    Beydes hebt und wieder stillt.
Möcht' ich einst mit lautem Schalle
20 In des Tempels voller Halle
    Ein erhabnes Gloria
Dir und allen Heil'gen weihen,
Tausend Christen zu erfreuen:
    Heilige Cäcilia!
25 Öffne mir der Menschen Geister,
Daß ich ihrer Seelen Meister
    Durch die Kraft der Töne sey;
Daß mein Geist die Welt durchklinge,
Sympathetisch sie durchdringe,
30 Sie berausch' in Phantasey! –





Entstehungsjahr: vor 1797
Erscheinungsjahr: 1796
Referenzausgabe:
Silvio Vietta / Richard Littlejohns: Wilhelm Heinrich Wackenroder, Bd. 1. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg: 1991, S. 136-137.
Bemerkungen
Aus »Das merkwürdige musikalische Leben des Tonkünstlers Joseph Berglinger« in: »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders«, 1797.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.