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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Georg Philipp Schmidt (Schmidt von Lübeck)

Des Fremdlings Abendlied

Ich komme vom Gebirge her,
Die Dämm'rung liegt auf Wald und Meer;
Ich schaue nach dem Abendstern,
Die Heimath ist so fern, so fern.
5   Es spannt die Nacht ihr blaues Zelt
Hoch über Gottes weite Welt,
Die Welt so voll und ich allein,
Die Welt so groß und ich so klein.
  Sie wohnen unten Haus bei Haus,
10 Und gehen friedlich ein und aus;
Doch ach, des Fremdlings Wanderstab
Geht landhinauf und landhinab.
  Es scheint in manches liebe Thal
Der Morgen- und der Abend-Strahl,
15 Ich wandle still und wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer: wo?
  Die Sonne dünkt mich matt und kalt,
Die Blüthe welk, das Leben alt,
Und was sie reden, tauber Schall,
20 Ich bin ein Fremdling überall.
  Wo bist du, mein gelobtes Land,
Gesucht, geahnt und nie gekannt?
Das Land, das Land so hoffnungsgrün,
Das Land, wo meine Rosen blüh'n?
25   Wo meine Träume wandeln gehn,
Wo meine Todten auferstehn,
Das Land, das meine Sprache spricht,
Und Alles hat, was mir gebricht?
  Ich übersinne Zeit und Raum,
30 Ich frage leise Blum' und Baum;
Es bringt die Luft den Hauch zurück:
»Da, wo du nicht bist, ist das Glück!«





Entstehungsjahr: 1781-1847
Erscheinungsjahr: ?
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Lieder von Schmidt von Lübeck. Joh. Friedr. Hammerich, Altona: 1847, S. 76-77.
Bemerkungen

Das Entstehungsdatum ist an den Lebensdaten des Autors orientiert.

Von dem Gedicht gibt es in den Anthologien noch eine Version, dann auch gerne mit dem Titel »Der Fremdling«:

Ich komme vom Gebirge her,
Es ruft das Tal, es rauscht das Meer;
Ich wandle still und wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer: Wo?

Die Sonne dünkt mich hier so kalt,
Die Blüte welk, das Leben alt,
Und was sie reden, tauber Schall;
Ich bin ein Fremdling überall.

Wo bist du, mein gelobtes Land,
Gesucht, geahnt und nie gekannt?
Das Land, das Land, so hoffnungsgrün,
Das Land, wo meine Rosen blühn?

Wo meine Träume wandeln gehn,
Wo meine Toten auferstehn;
Das Land, das meine Sprache spricht
Und alles hat, was mir gebricht?

Ich wandle still und wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer: Wo?
Es bringt die Luft den Hauch zurück:
Da, wo du nicht bist, blüht das Glück.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.