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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Christian Friedrich Scherenberg

Der güldne Ring

Der Herberg mancher Gilden, der Purschen Burg und Ruh,
Der wanderte spät abends ein Korps Gesellen zu:
Der Drang war groß, die Thür war klein,
Und Jeder will der Erste sein
5 Im Haus.
Der Herbergsvater guckt hinaus
Und spricht den Gruß: »Woher zu wandern?«
Könnt ihr nicht alle Mann der Erste sein,
So sei es Einer nach dem Andern.
10 Wie's Handwerk folgt, so sprechet ein.
Nun will erst recht ein Jeder Erster sein.
Der Schuster spricht: »wenn ich nicht wär',
Wo kämen Stiefel zum Wandern her?«
»Vom Leder!« fiel der Gerber ein. –
15 »Nein, von der Haut!« schlug der Metzger drein.
»Was Stiefel! backe ich kein Brod,
So seid ihr auch in Stiefeln totd.«
»Und mahl' ich nicht, so backst du Stroh,
Dann, mein' ich, wär' es auch noch so.«
20 »Und schmied' ich keinen Pflug,
So mahlt der Müller Wind,
Dann sind wir just so klug.« –
»Klug hin, klug her – der Maurer muß voraus!
Wo wär' die Herberg hier, bau' ich kein Haus?«
25 »Wie aber, Bruder, willst ins Haus hinein,
Bringt nicht der Schlosser erst den Schlüssel 'rein?«
»Pah, ohne Schlüssel bau' ich erst und letztes Haus!«
Fuhr, wie sein Hobelspan, der Schreiner 'raus.
»Und, Bruder, hast dein letztes fertig du,
30 Dann komm' ich, Nagelschmied, und schließe zu!«
Allein, ganz fix, nähnadelfein
Bügelt der Schneider hinterdrein:
»Ist Leut' begraben eine Kunst?
Nein, Leute machen, das ist ein'.«
35 »Du machst doch keine, kleiner Schneider?«
»Nein, ich nicht, aber meine Kleider.«
                    Mit Gunst!
Der kleine Schneider war hinein.
Doch fest, als thät' er einen Balken fassen,
40 So griff der lange Zimmermann 'mal aus:
»Für'n Schneider hab' ich just das Loch gelassen.
Kopf weg!« und warf den Schneider wieder 'naus.
Sacht, Kinder, immer sacht! –
Ruft Herbergsvater steuernd jetzt heraus:
45 Den Fehler hier hab' ich gemacht!
Und hebt die Thüre sammt der Angel aus:
So wahr mein Haus hier steht in Gottes Hand
Und ist zum güldnen Ringe zubenannt,
So sollet ihr herein mitsammen wandern;
50 Habt ihr doch Werth erst Einer durch den Andern:
Denn alle Gilden sind ein güldner Kranz,
Drin jedes Blatt hat seinen Werth und Glanz.
Jedwedes Reis, wo es auch Platz genommen,
Zum güldnen Ringe ist es gleich willkommen:
55 Drum kommt mir alle Mann zugleich herein,
Soll Keiner Erster oder Letzter sein.





Entstehungsjahr: 1814-1869
Erscheinungsjahr: ?
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von C. F. Scherenberg. A. W. Hayn's Erben, Berlin: 1869, S. 34-37.
Bemerkungen
Das Entstehungsdatum des Textes ist mangels weiterer Informationen an den Lebensdaten des Autors angelehnt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.