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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gustav Pfizer

Der Wirtshaustisch

Unlängst auf einem Wirtshaustisch
Sah ich der Namen bunt Gemisch
Vom Rande bis zur Mitten
Ins Eichenholz geschnitten.
5 Nachdenklich saß ich auf der Bank
Und trank und las und las und trank,
Und viel Gedanken kamen
Mir bei den vielen Namen.
Der Eine hatte breit und stolz
10 Recht derb geschnitten in das Holz;
Der mochte auch im Leben
Sich auszudehnen streben.
Ein Andrer von bescheidner Art
Schloß seinen Namen, rein und zart,
15 Mit schöngezackten Kränzen
In zierlich enge Grenzen.
Der Eine grad, der andre krumm,
Der Dritte wohl im Kreis herum -
Und Manchem fremde Namen
20 Gar grob dazwischen kamen.
Mit deinen Namen, alter Tisch,
Gemahnst du mich ans Weltgemisch
Wo auch die bunte Menge
Sich umtreibt im Gedränge.
25 Ja würde jeder Nam' ein Mann:
Die Nachbarn könnten leichtlich dann,
Die jetzt sich still bequemen,
Beim Kopf einander nehmen.
Von ihres Haders Strom erfaßt
30 Fürwahr, es wäre keinem Gast
Sein Gläschen Wein in Frieden
Zu trinken mehr beschieden.
Drum bleibet ruhig wie Ihr seyd!
Vertragt euch ohne Haß und Neid!
35 Es soll zu Mord und Schrecken
Euch nie ein Kadmus wecken!
So lang ein leeres Eckchen bleibt
An diesem Tisch: so lange schreibt
Ein Jeder auf das Plätzchen
40 Sich und vielleicht ein Schätzchen.
Und mancher liest's und denkt dabei:
Wo dieser jetzt, wo jener sey?
Doch kommt der Meister Schreiner,
So bleibt von Allen Keiner!
45 Denn glatt gehobelt wird das Holz;
Und Kränze, Zahlen, Kunst und Stolz
Sind in zwei kurzen Stunden
Von Tisch und Welt verschwunden.
Am blanken Tische wieder zecht
50 Vergnügt ein jüngeres Geschlecht;
Die Ahnen sind vergessen
Die einst daran gesessen.





Entstehungsjahr: vor 1836
Erscheinungsjahr: 1835
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Gustav Pfizer. Verlag von Paul Reff, Stuttgart: 1835, S. 157-159.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.