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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gustav Pfizer

Almansor

Almansor klagt in der Wüste, verirrt;
Kein Vogel die brennenden Lüfte durchschwirrt;
Im Sande verloren ist jegliche Spur,
Der einzige Quell ist der Thränenbach nur,
5     Der heiß von den Wangen im fluthet.
Da nahet dem Betenden eine Gestalt
Von weißem, glänzendem Mantel umwallt,
Verheißenden, milden, tröstlichen Blicks
Und glückliche Wendung des droh'nden Geschicks
10     Im Auge, dem seligen, tragend.
Dem Hoffenden reicht sie mit gütiger Hand
Durchwirket mit seltsamen Zeichen ein Band:
»Ein herrliches Wunder gönnt Allah dir!
Verbürget ist mit dem Pfande hier
15     Dir des liebsten Gebetes Erhörung«
Almansor beugte sich tief in den Staub;
Doch achtet es seine Seel für Raub,
Jetzt gleich zu verschwenden des Himmels Huld;
Es wuchs ihm die Kraft und die ehrne Geduld;
20     Er entkam dem Grab in der Wüste.
Nach Jahren wurde das Feld ihm verheert
Und das Haus und die Habe vom Feuer verzehrt;
Doch focht es den Mann, den verarmten nicht an;
Ihm blieben die Kräfte ja unterthan,
25     Die er anzurufen noch zögert.
Dann starb ihm die blühende Gattin dahin;
er sah auf die Leiche mit heiterem Sinn:
»Ich kann ja noch immer zu neuem Glück
Aus dem Grabe die Todte rufen zurück!
30     Mein bist du, sobald ich gebiete!«
Die lieblichen Kinder auch pflükte der Tod;
»Es führt sammt der Mutter sie mein Gebot
Dem Leben, dem goldenen wieder zu!«
Er lächelte sanft und schaute mit Ruh
35     Die Särge versenken im Grabe.
Und Monde und Jahre noch zögert der Greis
Und sparet das mächtige Zaubergeheiß;
Er darf nur wünschen, so kehret da Glück,
Das Leben dem einsamen Hause zurück;
40     Oft labt sich sein Geist an dem Bilde!
Die tödliche Krankheit nagt ihm das Mark;
Doch ist noch immer der Talismann stark;
Bald will er beleben nun Kinder und Weib,
Sich selber verjüngen den welkenden Leib;
45     Die Hoffnung verscheucht ihm die Schmerzen.
An einem Morgen, da müd' er erwacht,
Beschließet er fest: heut sey es vollbracht!
Er schlummerte ein und schlummerte fort,
Der Tod, der eilende, nahm ihm das Wort
50     Von der bleichen lächelnden Lippe.
Die Nachbarn fanden den Alten todt,
Der immer so froh war in Armuth und Noth;
Sie schmückten den Sarg mit dem seltsamen Band,
Und keiner von allen Weisen im Land
55     Vermochte die Zeichen zu deuten.





Entstehungsjahr: vor 1836
Erscheinungsjahr: 1835
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Gustav Pfizer. Verlag von Paul Reff, Stuttgart: 1835, S. 250-252.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.