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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gottfried Keller

[Schöne Brücke, hast mich oft getragen]

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
Und mit dir den Strom ich überschritt.
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
5 Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen,
Und sie fühlten meine Freude mit.
Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,
Wenn ich schweren Leids hinübergehe,
Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt;
10 Soll ich einsam in die Berge gehen
Und nach einem schwachen Stege spähen,
Der sich meinem Kummer zitternd fügt?
Aber sie, mit anderm Weh und Leiden
Und im Herzen andre Seligkeiten:
15 Trage leicht die blühende Gestalt!
Schöne Brücke, magst du ewig stehen,
Ewig aber wird es nie geschehen,
Daß ein beßres Weib hinüber wallt!





Entstehungsjahr: 1849
Erscheinungsjahr: 1949
Aus: Nachgelassene Gedichte seit 1846 / Aus dem Leben
Referenzausgabe:
Jonas Fränkel / Carl Helbling: Gottfried Keller. Sämtliche Werke, Bd. 15,II. Benteli, Bern: 1949, S. 3.
Bemerkungen
In der Handschrift mit dem Untertitel »Heidelberg 1849«.
Nicht in der Ausgabe des Klassiker-Verlags enthalten.
Die letzten beiden Verse lauten in der Handschrift:

ewig aber wird es nie geschehen
daß hinüber eine Beßre wallt!

und sind mit Bleistift von Kellers Hand in die hier dargestellte Form korrigiert worden.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.