Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Heinrich von Mühler

König Karl am Meer

Der König Karl saß einstens auf seinem Schloß am Meer,
Es brachen sich die Wellen am Ufer dumpf und schwer,
Es hat sie aufgerüttelt ein frischbeschwingter Nord,
Nun reden sie mit einander manch zürnend trotzig Wort.
5 Der König stand am Fenster und schaute auf die See:
»Was seh' ich dort, ein Weißes, da oben auf der Höh?«
»»Das ist die weiße Möwe, die auf dem Meere schwebt,
Sich mit den Wellen senket und schaukelnd wieder hebt.««
»Das scheint mir keine Möwe, die wechselt wohl den Flug,
10 Es hält in Wind und Wellen den gleichgestellten Zug,
Es strebt in gradem Laufe auf unsres Ufers Rand –
Das ist, ich mein', ein Segel, bedient von kund'ger Hand.«
»»So ist's gewiß, Herr König, des Kaufmanns reicher Kiel,
Der sich den sichern Hafen erkor zur Landung Ziel.
15 Es bringt Gewürz und Seiden vom fernen Morgenland,
Vielleicht viel blankes Zinn uns vom reichen Engeland.««
»Es führt ein spitz'ges Segel und geht auf scharfem Kiel,
Es scheint gewöhnt an Stürme und an der Wellen Spiel;
Seht, wie mit raschem Fluge es durch die Wellen bricht –
20 Das trägt nicht schwere Lasten – ein Kaufherr ist es nicht.«
»»Bei Gott, die Zeichen kenn' ich! Es ist ein Wickingschiff,
Das scheut nicht Sturm und Wellen, das schreckt kein Klippenriff,
Die Männer, die es führen, dürsten nach Sturm und Streit –
Herr König, greift zum Schwerte, zu fechten giebt's noch heut'!««
25 Sie legen an das Ufer, Normannen, stolz' Geschlecht,
Seekön'ge auf den Wogen, Schlachtkön'ge im Gefecht;
Sie springen von dem Schiffe, die Schwerter in der Hand,
»Heisa, nun sollt du zinsen, du reiches Frankenland!«
Es saß der arme Fischer an seinem Netz und spann;
30 Sie bringen vor ihren Führer ihn als gefangnen Mann:
»Sag' an, wie heißt die Küste? Was für ein Schloß liegt dort?
Wer ist sein Herr? Dein Leben bürg' uns, daß wahr dein Wort.«
»»Ihr Herren, schon mich Alten, ich bin ein schwacher Greis,
Gern will ich euch verkünden, so viel ich immer weiß,
35 Dies ist der Seine Mündung, ihr steht auf Frankreichs Grund,
Und in dem Schlosse droben wohnt König Karl zur Stund.««
»Der König Karl?« – Wie Blitze läuft um das Wort im Rund.
»Der König Karl?« – Sie zagen, verstummt ist jeder Mund.
»Der König Karl? – Da möchte erblühn uns wenig Heil,
40 Da giebt's nur Stahl und Eisen, nicht Gold und Silber zu Theil.«
Sie steigen wieder zu Schiffe, sie dreh'n die Segel geschwind,
Viel lieber wollen sie kämpfen mit Wellen und Wetter und Wind,
Der Name hat in ihnen den besten Mut gefällt,
Wer möchte auch bestehen den alten Frankenheld.
45 Der König hat's vernommen, da ward ihm trüb zu Sinn,
Er schaute fragend vom Meere zu seinem Sohne hin,
Der stand in der Halle und drehte den Rosenkranz in der Hand –
Da sah er nieder und seufzte: »Mein armes, armes Land!«





Entstehungsjahr: vor 1874
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte / Balladen
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Heinrich von Mühler. Hermann Costenoble, Jena: 1879, S. 131-133.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.