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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Benjamin Michaelis

Der Milchtopf

Wohl aufgeschürzt, mit starken Schritten,
Den Milchtopf auf dem Kopf, ging Marthe nach der Stadt,
Um ihre Sahne feil zu bieten.
Weil doch nun beym Verkauf ein jeder Sorgen hat,
5 So überdachte sie, was, wenn's das Glück ihr gönnte,
Sie wohl damit gewinnen könnte.
Sechs Groschen, dachte sie, gibt mir doch jedermann –
Denn in der Stadt ist alles theuer. –
Die streich' ich also ein und lege mir sie an,
10 Und kaufe mir, so weit sie reichen, Eyer.
Die bring' ich wieder in die Stadt.
Das Glück hat oft sein Spiel! Für das, was ich gewänne,
Kauf' ich mir lauter Hühner ein.
Dann legt mir eine jede Henne;
15 Ich zieh' auch dreymal Brut. Wie wird sich Marthe freun,
Wenn so viel Hühner um sie flattern!
Die soll gewiß kein Fuchs ergattern! –
Denn, sind sie groß genug, so kauf' ich mir ein Schwein.
Aus Kälbern, sagt man, werden Kühe.
20 Das Ferklein wird ja groß, ich spar' auch keine Mühe,
Die Kleye hab' ich schon dazu.
Wenn ich das Schwein verkauft, kauf' ich mir eine Kuh;
Die wirft ein Kalb, ein Ding voll Muth, voll Feuer!
He! wie es springt! – hopf, Anna Marthe, hopf !
25 Hoch springt sie – Gute Nacht, Kalb, Kuh, Schwein, Hühner, Eyer!
Da lag der Topf.





Entstehungsjahr: vor 1794
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Sämmtliche Poetische Werke / Fabeln und Erzählungen, Erste Buch
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Sämmtliche Poetische Werke des Herrn Joh. Benjamin Michaelis, Bd. 2. F. A. Schraembl, Wien: 1794, S. 55-56.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.