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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Alexander Graf von Württemberg

Sultan Alp Arslan
Eine wahre Begebenheit aus dem elften Jahrhundert

»Sklaven! reichet mir den starken
Bogen von des Zeltes Wand!
Den Verräther Ali strafen
Will ich schwer mit eig'ner Hand.«
5 Also spricht der tapf're Führer
Der Seldschuken zornesroth,
Unter seinem Turban blitzen
Dunkle Augen Mord und Tod.
Wilder schüttelt seine Mähnen
10 Neben ihm der Lieblings-Leu,
Und die feigen Sklaven zittern
Vor dem Herrscher todesscheu.
Eine Schaar mordlust'ger Neger
Bricht sich durch die Menge Bahn,
15 Und nach seinem Opfer blicket
Rachedurstig Alp Arslan.
Mag des Herrschers Auge drohen,
Wild entflammt im Rachestrahl,
Ruhig blickt entgegen Ali,
20 Fest geschnürt am Henkerpfahl.
Und den schweren, todgeübten
Bogen, den kein and'rer spannt,
Faßt und rüstet zorneseilig
Sultan Arslans starke Hand.
25 Scharf nun zielt er, und die Waffe
Zischend von der Sehne schwirrt;
Doch zum erstenmal am Herzen
Ist sein Pfeil vorbei geirrt.
Von der Feder kaum berühret
30 Schleudert Ali ihm zurück,
Stolz, mit lächelnder Verachtung,
Seinen Pfeil und Todesblick.
Arslan staunt dem Unerhörten;
Wüthend über solche Schmach
35 Schießt er dem verhöhnten Pfeile
Rasch den zweiten, schärfern nach.
Heißer ihm auf Stirn und Wangen
Glüht herauf der Rache Glut;
Brausend fliegt das scharfe Eisen –
40 Doch es fließt kein Tropfen Blut.
Schnaubend, ein gereizter Tiger,
Greifet nun zum dritten Mal
Rasch der Sultan in den Köcher,
Rufend, daß es hallt im Thal:
45 »Allah selbst vom fernsten Himmel
»Trifft mit seinem Donnerkeil
»Das erwählte Todesopfer
»Sich'rer nicht als dieser Pfeil!« –
Und er spannet bis zur Schulter
50 Das gewaltige Geschoß;
Wie ein Blitz durchzuckt's die Lüfte –
Doch kein Tropfen Blutes floß. –
Seht! urplötzlich reißt sich Ali
Los vom eh'rnen Kettenjoch,
55 Und er springt vom Todespfahle
Uebermenschlich, riesenhoch.
Die zerknickte Eisenkette
Höhnend hin zur Erde klirrt;
Auf den Sultan stürmt nun Ali
60 Schneller als der Pfeil geschwirrt.
Sultan Arslan stürzt zu Boden
Unter Ali's grimmer Faust,
Wie vom Streich der Axt im Walde
Laut die Eiche niederbraust.
65 »Allah! Allah! durch den Sklaven
»Trifft mich mein verdienter Tod,
»Dein vergaß ich übermüthig,
»Frevelnd brach ich dein Gebot.
»Als ich heut' im Morgenstrahle
70 »Musterte mein tapf'res Heer,
»Dacht' ich, Allah! zu gebieten
»Dir gleich über Land und Meer.
»Allah! Dir sich gleich zu wähnen
»Wage nie ein Muselmann!«
75 Spricht es, und es stirbt des Orients
Schrecken – Sultan Alp Arslan.





Entstehungsjahr: vor 1838
Erscheinungsjahr: 1837
Aus: Gedichte / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Fr. v. Schmidt: Sämmtliche Gedichte von Alexander Graf von Württemberg. Philipp Reclam jun.: [1880], S. 223-225.
Bemerkungen
Die Entstehungdaten des Gedichtes sind an den Lebensdaten des Dichters angelehnt.
Das Gedicht wird teilweise auch unter dem Titel »Eine Legende« geführt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.