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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gotthard Ludwig Gotthard Kosegarten (Tellow)

Das Amen der Steine

Vom Alter blind, fuhr Beda dennoch fort,
Zu predigen die neue frohe Botschaft.
Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorfe wallte
An seines Führers Hand der fromme Greis,
5 Und predigte das Wort mit Jünglingsfeuer.
    Einst leitet' ihn sein Knabe in ein Thal,
Das übersä't war mit gewalt'gen Steinen.
Leichtsinnig mehr, als boshaft sprach der Knabe:
Ehrwürd'ger Vater, viele Menschen sind
10 Versammelt hier, und harren auf die Predigt.
    Der blinde Greis erhob sich alsobald,
Wählt' einen Text, erklärt' ihn, wandt' ihn an,
Ermahnte, warnte, strafte, tröstete,
So herzlich, daß die Thränen mildiglich
15 Ihm niederflossen in den grauen Bart.
    Als er beschließend drauf das Vater Unser,
Wie sich's geziemt, gebetet, und gesprochen:
»Dein ist das Reich, und dein die Kraft, und dein
»Die Herrlichkeit bis in die Ewigkeiten« ...
20 Da riefen rings im Thal viel tausend Stimmen:
»Amen, ehrwürd'ger Vater, Amen, Amen!«
    Der Knab' erschrak, reumüthig kniet' er nieder,
Und beichtete dem Heiligen die Sünde.
Sohn, sprach der Greis, hast du denn nicht gelesen?
25 »Wenn Menschen schweigen, werden Steine schrei'n;«
Nicht spotte künftig, Sohn, mit Gottes Wort;
Lebendig ist es, kräftig, schneidet scharf,
Wie kein zweyschneidig Schwert. Und sollte gleich
Das Menschenherz sich ihm zu Trotz versteinen,
30 So wird im Stein ein Menschenherz sich regen.





Entstehungsjahr: 1773-1818
Erscheinungsjahr: 1824
Aus: Legenden. Sagen der kirchlichen Vorzeit
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Dichtungen von Ludwig Gotthard Kosegarten, Bd. 4. Universitäts-Buchhandlung, Greifswald: 1824ff, S. 134-135.
Bemerkungen
Die Entstehungsdaten des Gedichtes orientieren sich an den Lebensdaten des Dichters.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.