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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Gabriel Seidl

Der todte Soldat

    The most precious tears are those, with which
Heaven bedews the unburied head of a soldier.
                                         O. Goldsmith
Auf ferner fremder Aue
5 Da liegt ein todter Soldat,
Ein ungezählter, vergess'ner,
Wie brav er gekämpft auch hat.
Es reiten viel Generale
Mit Kreuzen an ihm vorbei;
10 Denkt keiner, daß, der da lieget,
Auch werth eines Kreuzleins sei.
Es ist um manchen Gefall'nen,
Viel Frag' und Jammer dort,
Doch für den armen Soldaten
15 Gibt's weder Thräne noch Wort. –
Doch ferne, wo er zu Hause,
Da sitzt, beim Abendroth,
Ein Vater voll banger Ahnung,
Und sagt: »Gewiß, er ist todt!«
20 Da sitzt eine weinende Mutter,
Und schluchzet laut: »Gott helf'!
»Er hat sich angemeldet:
»Die Uhr bleib steh'n um Elf!«
Da starrt ein blasses Mädchen
25 Hinaus in's Dämmerlicht:
»Und ist er dahin und gestorben,
»Meinem Herzen stirbt er nicht!« –
Drei Augenpaare schicken,
So heiß es ein Herz nur kann,
30 Für den armen, todten Soldaten
Ihre Thränen zum Himmel hinan.
Und der Himmel nimmt die Thränen
In einem Wölkchen auf,
Und trägt es zur fernen Aue
35 Hinüber im raschen Lauf:
Und gießt aus der Wolke die Thränen
Auf's Haupt des Todten als Thau,
Daß er unbeweint nicht liege
Auf ferner, fremder Au.





Entstehungsjahr: 1843
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Bifolien / Fünfte Lese III
Referenzausgabe:
Hans Max: Joh. Gabr. Seidl's gesammelte Schriften, Bd. 2. Wilhelm Braunmüller, Wien: 1877, S. 248-249.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.