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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Gottfried Herder

Annchen von Tharau
Aus dem preußischen Plattdeutsch*

    Annchen von Tharau ist, die mir gefällt;
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
    Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz.
5     Annchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!
    Käm' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
Wir sind gesinnet, bei einander zu stahn.
    Krankheit, Verfolgung, Betrübniß und Pein
10 Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
    Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
Je mehr ihn Hagel und Regen anficht;
    So wird die Lieb' in uns mächtig und groß
Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.
15     Würdest Du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt;
    Ich will Dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.
    Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn',
20 Mein Leben schließ' ich um Deines herum.
    Was ich gebiete, wird von Dir gethan,
Was ich verbiete, das läßt Du mir stahn.
    Was hat die Liebe doch für ein Bestand,
Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand?
25     Wo man sich peiniget, zanket und schlägt,
Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?
    Annchen von Tharau, das woll'n wir nicht thun;
Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.
    Was ich begehre, ist lieb Dir und gut;
30 Ich laß den Rock Dir, Du läßt mir den Hut!
    Dies ist uns, Annchen, die süßeste Ruh,
Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du.
    Dies macht das Leben zum himmlischen Reich,
Durch Zanken wird es der Hölle gleich.
35
* Es hat sehr verloren, da ich's aus seinem treuherzigen,
starken, naiven Volksdialekt ins liebe Hochdeutsch habe
verpflanzen müssen, ob ich gleich, so viel möglich war,
nichts geändert. Das Lied ist von Simon Dach und
40 steht im 5. Theil der Arien Albert's zum Singen und
Spielen. Z. 25. Königsb. 1648. 52. Fol.





Entstehungsjahr: vor 1780
Erscheinungsjahr: 1778
Aus: Stimmen der Völker / V. Buch. - Deutsche Lieder
Referenzausgabe:
Heinrich Düntzer / Wollheim da Fonseca: Herder's Werke. Nach den besten Quellen revidirte Ausgabe, Bd. 4. Gustav Hempel: 1879, S. 295-296.
Bemerkungen
Dem Gedicht sind noch mehrere Variantenangaben zu einzelnen Versen beigegeben, die allerdings vom Herausgeber stammen.
Das Gedicht ist schon in der Sammlung »Volkslieder von 1778/79« enthalten. Wie Herder selbst angibt, ist das Gedicht eine Umarbeitung eines Textes von Simon Dach.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.