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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Heinrich Heine

Begegnung

Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
Da tanzen die Burschen und Mädel,
Da tanzen zwei, die niemand kennt,
Sie schaun so schlank und edel.
5 Sie schweben auf, sie schweben ab,
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
Das Fräulein flüstert leise:
»Mein schöner Junker, auf Eurem Hut
10 Schwankt eine Neckenlilje,
Die wächst nur tief in Meeresgrund –
Ihr stammt nicht aus Adams Familie.
Ihr seid der Wassermann, Ihr wollt
Verlocken des Dorfes Schönen.
15 Ich hab Euch erkannt, beim ersten Blick,
An Euren fischgrätigen Zähnen.«
Sie schweben auf, sie schweben ab,
In seltsam fremder Weise,
Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
20 Der Junker flüstert leise:
»Mein schönes Fräulein, sagt mir, warum
So eiskalt Eure Hand ist?
Sagt mir, warum so naß der Saum
An Eurem weißen Gewand ist?
25 Ich hab Euch erkannt, beim ersten Blick,
An Eurem spöttischen Knixe –
Du bist kein irdisches Menschenkind,
Du bist mein Mühmchen die Nixe.«
Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,
30 Es trennen sich höflich die beiden.
Sie kennen sich leider viel zu gut,
Suchen sich jetzt zu vermeiden.





Entstehungsjahr: 1841
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Neue Gedichte / Romanzen 22
Referenzausgabe:
Klaus Briegleb: Heinrich Heine. Sämtliche Werke, Bd. 4. Hanser Verlag, München: 1968ff, S. 393-394.
Bemerkungen
Titel des Gedichtes im zyklischen Erstdruck: »Die Wasserleute«

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.