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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Georg Herwegh

Der Gefangene
1839-1840

Zehn Jahre! seit den letzten Vogel ich
Im Blütenwald sein Liedchen schlagen hörte;
Zehn Jahre! seit der blaue Himmel sich
Zum letzten Male meinen Blick bescherte:
5 Zehn Jahre! was ist weiter dein Begehr?
Kann meine Wange sich noch blässer färben?
Sieh, diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben!
Zehn Jahre! meine Sehnen sind erschlafft,
10 Mein Auge kann die Kette nicht mehr sehen;
O zittre nicht! Kaum hab' ich noch die Kraft,
Zwei Schritte bis zum Grabe hinzugehen.
Ein Herr der Welt, und dein ein zahllos Heer! –
Und ich ein kranker Mann, ein Bau in Scherben –
15 Nein! diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben!
Zehn Jahre hat in dieser Kerkergruft
Mein Herz so treu dem Tode zugeschlagen;
Zehn Jahre! jetzt, o jetzt nur so viel Luft,
20 Gen Himmel eine Seele hinzutragen!
Ein wenig Luft! ei, fällt dir das so schwer?
Willst du schon wieder neue Söldner werben?
Sieh, diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben!
25 Zehn Jahre haben meinen Mut geknickt
Und meines Lebens Blüte mir genommen,
Man hat das Lied mir in der Brust erstickt,
Der letzte Funken ist schon längst verglommen.
Und noch nicht? Sprich, was weiter dein Begehr?
30 Kann meine Wange sich noch blässer färben?
Sieh, diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben!





Entstehungsjahr: 1839-1840
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Neue Gedichte / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Hermann Tardel: Herweghs Werke in drei Teilen, Bd. 3. Deutsches Verlagshaus Bong & Co, Berlin / Leipzig / Wien / Stuttgart: o. J., S. 149.
Bemerkungen
Uns liegen keine Angaben zum Erstdruck vor. Das gleiche Gedicht ist im Band II dieser Ausgabe aus Versehen? auf Seite 118-119 nochmals abgedruckt.
Das Gedicht »Der Gefangene« könnte verweisen auf die Haftzeit von Christian Friedrich Daniel Schubart in Hohenasperg.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.