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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Wolfgang von Goethe

[Es fürchte die Götter]

Es fürchte die Götter
Das Menschengeschlecht!
Sie halten die Herrschaft
In ewigen Händen,
5 Und können sie brauchen
Wie's ihnen gefällt.
Der fürchte sie doppelt
Den je sie erheben!
Auf Klippen und Wolken
10 Sind Stühle bereitet
Um goldene Tische.
Erhebet ein Zwist sich:
So stürzen die Gäste
Geschmäht und geschändet
15 In nächtliche Tiefen,
Und harren vergebens,
Im Finstern gebunden,
Gerechten Gerichtes.
Sie aber, sie bleiben
20 In ewigen Festen
An goldenen Tischen.
Sie schreiten vom Berge
Zu Bergen hinüber:
Aus Schlünden der Tiefe
25 Dampft ihnen der Atem
Erstickter Titanen,
Gleich Opfergerüchen,
Ein leichtes Gewölke.
Es wenden die Herrscher
30 Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern,
Und meiden, im Enkel
Die eh'mals geliebten,
Still redenden Züge
35 Des Ahnherrn zu sehn.
So sangen die Parzen;
Es horcht der Verbannte,
In nächtlichen Höhlen
Der Alte die Lieder,
40 Denkt Kinder und Enkel
Und schüttelt das Haupt.





Entstehungsjahr: 1786-1787
Erscheinungsjahr: 1787
Aus: Iphigenie auf Tauris - Versfassung / Vierter Aufzug, Fünfter Auftritt
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 5. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 605-606.
Bemerkungen
Aus der Versfassung der »Iphigenie auf Tauris« (1787)

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.