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Johann Wolfgang von Goethe

Philine

Singet nicht in Trauertönen
Von der Einsamkeit der Nacht,
Nein, sie ist, o holde Schönen,
Zur Geselligkeit gemacht.
5 Wie das Weib dem Mann gegeben
Als die schönste Hälfte war,
Ist die Nacht das halbe Leben,
Und die schönste Hälfte zwar.
Könnt ihr euch des Tages freuen,
10 Der nur Freuden unterbricht?
Er ist gut, sich zu zerstreuen;
Zu was anderm taugt er nicht.
Aber wenn in nächt'ger Stunde
Süßer Lampe Dämmrung fließt,
15 Und vom Mund zum nahen Munde
Scherz und Liebe sich ergießt.
Wenn der rasche lose Knabe,
Der sonst wild und feurig eilt,
Oft, bei einer kleinen Gabe
20 Unter leichten Spielen weilt.
Wenn die Nachtigall Verliebten
Liebevoll ein Liedchen singt,
Das Gefangnen und Betrübten
Nur wie Ach und Wehe klingt;
25 Mit wie leichtem Herzensregen
Horchet ihr der Glocke nicht,
Die mit zwölf bedächt'gen Schlägen
Ruh und Sicherheit verspricht!
Darum an dem langen Tage
30 Merke dir es, liebe Brust:
Jeder Tag hat seine Plage
Und die Nacht hat ihre Lust.





Entstehungsjahr: vor 1796
Erscheinungsjahr: 1815
Fassung: Andere
Aus: Die Sammlung von 1815 / Aus Willhelm Meister
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 2. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 324-325.
Bemerkungen
Aus »Willhelm Meisters Lehrjahren« (1795/96), dort ohne Titel
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Andere Fassung: [Singet nicht in Trauertönen] , entstanden vor 1796

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.