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Johann Wolfgang von Goethe

Wiederfinden

Ist es möglich! Stern der Sterne,
Drück' ich wieder dich ans Herz!
Ach! was ist die Nacht der Ferne
Für ein Abgrund, für ein Schmerz.
5 Ja du bist es! meiner Freuden
Süsser, lieber Widerpart;
Eingedenk vergangner Leiden
Schaudr' ich vor der Gegenwart.
Als die Welt im tiefsten Grunde
10 Lag an Gottes ew'ger Brust,
Ordnet' er die erste Stunde
Mit erhabner Schöpfungslust,
Und er sprach das Wort: Es werde!
Da erklang ein schmerzlich Ach!
15 Als das All' mit Machtgebärde
In die Wirklichkeiten brach.
Auf that sich das Licht. So trennte
Scheu sich Finsterniss von ihm,
Und sogleich die Elemente
20 Scheidend auseinander fliehn.
Rasch in wilden, wüsten Träumen
Jedes nach der Weite rang,
Starr, in ungemessnen Räumen,
Ohne Sehnsucht, ohne Klang.
25 Stumm war alles, still und öde,
Einsam Gott zum erstenmal!
Da erschuf er Morgenröthe,
Die erbarmte sich der Quaal;
Sie entwickelte dem Trüben
30 Ein erklingend Farbenspiel,
Und nun konnte wieder lieben
Was erst auseinander fiel.
Und mit eiligem Bestreben
Sucht sich was sich angehört;
35 Und zu ungemessnem Leben
Ist Gefühl und Blick gekehrt.
Seys Ergreifen, sey es Raffen,
Wenn es nur sich fasst und hält!
Allah braucht nicht mehr zu schaffen,
40 Wir erschaffen seine Welt.
So, mit morgenrothen Flügeln,
Riss es mich an deinen Mund,
Und die Nacht, mit tausend Siegeln
Kräftigt sternenhell den Bund.
45 Beyde sind wir auf der Erde
Musterhaft in Freud und Quaal,
Und ein zweytes Wort: Es werde!
Trennt uns nicht zum zweytenmal.





Entstehungsjahr: 1815
Erscheinungsjahr: 1827
Fassung: Mittlere
Aus: Neuer Divan 1819-1827 / Suleika Nameh - Buch Suleika
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 3,1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 399-400.
Bemerkungen
Mittlere Fassung von »Wiederfinden« aus WöD und der Sammlung von 1827
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Wiederfinden , entstanden 1815
Späte Fassung: Wiederfinden , entstanden 1815

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.