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Johann Wolfgang von Goethe

Einladung

Musst nicht vor dem Tage fliehen:
Denn der Tag den du ereilest
Ist nicht besser als der heut'ge;
Aber wenn du froh verweilest
5 Wo ich mir die Welt beseit'ge
Um die Welt an mich zu ziehen,
Bist du gleich mit mir geborgen.
Heut ist heute, morgen morgen,
Und was folgt und was vergangen
10 Reisst nicht hin und bleibt nicht hangen.
Bleibe du, mein Allerliebstes,
Denn du bringst es und du giebst es.
                        -
Dass Suleika von Jussuff entzückt war
15 Ist keine Kunst.
Er war jung, Jugend hat Gunst,
Er war schön, sie sagen zum Entzücken,
Schön war sie, konnten einander beglücken.
Aber dass du, die so lange mir erharrt war,
20 Feurige Jugendblicke mir schickst,
Jetzt mich liebst, mich später beglückst,
Das sollen meine Lieder preissen
Sollst mir ewig Suleika heißen.
                        -
25 Da du nun Suleika heissest
Sollt ich auch benamset seyn,
Wenn du deinen Geliebten preisest,
Hatem! das soll der Name seyn.
Nur dass man mich daran erkennet,
30 Keine Anmassung soll es seyn;
Wer sich St: Georgenritter nennet
Denkt nicht gleich Sanct Georg zu seyn.
Nicht Hatem Thai, nicht der Alles Gebende
Kann ich in meiner Armuth seyn,
35 Hatem Zograi nicht, der reichlichst Lebende
Von allen Dichtern, möcht' ich seyn.
Aber beyde doch im Auge zu haben
Es wird nicht ganz verwerflich seyn:
Zu nehmen, zu geben des Glückes Gaben
40 Wird immer ein gross Vergnügen seyn.
Sich liebend aneinander zu laben
Wird Paradieses Wonne seyn.





Entstehungsjahr: 1814
Erscheinungsjahr: 1827
Fassung: Späte
Aus: Neuer Divan 1819-1827 / Suleika Nameh - Buch Suleika
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 3,1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 376-377.
Bemerkungen
Späte Fassung von »Einladung« aus WöD 1819
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Einladung , entstanden 1814

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.