Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
Verschiedene Fassungen des Gedichts nebeneinander anzeigen

Johann Wolfgang von Goethe

Einladung

  Mußt nicht vor dem Tage fliehen:
  Denn der Tag den du ereilest
  Ist nicht besser als der heut'ge;
  Aber wenn du froh verweilest
5   Wo ich mir die Welt beseit'ge,
  Um die Welt an mich zu ziehen;
  Bist du gleich mit mir geborgen,
  Heut ist heute, morgen morgen,
  Und was folgt und was vergangen
10   Reißt nicht hin und bleibt nicht hangen.
  Bleibe du, mein Allerliebstes,
  Denn du bringst es und du giebst es.
                        -
Daß Suleika von Jussuff entzückt war
15 Ist keine Kunst,
Er war jung, Jugend hat Gunst,
Er war schön, sie sagen zum Entzücken,
Schön war sie, konnten einander beglücken.
Aber daß du, die so lange mir erharrt war,
20 Feurige Jugendblicke mir schickst,
Jetzt mich liebst, mich später beglückst,
Das sollen meine Lieder preißen
Sollst mir ewig Suleika heißen.
                        -
25   Da du nun Suleika heißest
  Sollt ich auch benamset seyn,
  Wenn du deinen Geliebten preisest,
  Hatem! das soll der Name seyn.
  Nur daß man mich daran erkennet,
30   Keine Anmaßung soll es seyn.
  Wer sich St. Georgenritter nennet
  Denkt nicht gleich Sanct Georg zu seyn.
  Nicht Hatem Thai, nicht der Alles Gebende
  Kann ich in meiner Armuth seyn,
35   Hatem Zograi nicht, der reichlichst Lebende
  Von allen Dichtern, möcht' ich seyn.
  Aber beyde doch im Auge zu haben
  Es wird nicht ganz verwerflich seyn:
  Zu nehmen, zu geben des Glückes Gaben
40   Wird immer ein groß Vergnügen seyn.
  Sich liebend an einander zu laben
  Wird Paradieses Wonne seyn.





Entstehungsjahr: 1814
Erscheinungsjahr: 1819
Fassung: Frühe
Aus: West-östlicher Divan 1819 / Suleika Nahmeh - Buch Suleika
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 3,1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 74-75.
Bemerkungen
Frühe Fassung von »Einladung« aus »Neuer Divan 1819-1827«
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Einladung , entstanden 1814

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.