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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Wolfgang von Goethe

Den Vereinigten Staaten

  Amerika, du hast es besser
  Als unser Kontinent, das alte,
  Hast keine verfallene Schlösser
  Und keine Basalte.
5   Dich stört nicht im Innern,
  Zu lebendiger Zeit,
  Unnützes Erinnern
  Und vergeblicher Streit.
    Benutzt die Gegenwart mit Glück!
10   Und wenn nun eure Kinder dichten,
  Bewahre sie ein gut Geschick
  Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.
                        -
  Bei einer großen Wassersnot
15   Rief man zu Hülfe das Feuer,
  Da ward sogleich der Himmel rot,
  Und nirgend war es geheuer:
  Durch Wälder und Felder kamen gerannt
  Die Blitze zu flammenden Rotten,
20   Die ganze Erde, sie war verbrannt,
  Noch eh die Fische gesotten.
                        -
  Und als die Fische gesotten waren,
  Bereitet man große Feste;
25   Ein jeder brachte sein Schüsselein mit,
  Groß war die Zahl der Gäste;
  Ein jeder drängte sich herbei,
  Hier gab es keine Faule;
  Die gröbsten aber schlugen sich durch
30   Und fraßen's den andern vom Maule.
                        -
Die Engel stritten für uns Gerechte,
Zogen den Kürzern in jedem Gefechte;
Da stürzte denn alles drüber und drunter,
35 Dem Teufel gehörte der ganze Plunder.
Nun ging es an ein Beten und Flehen!
Gott ward bewegt herein zu sehen.
Spricht Logos, dem die Sache klar
Von Ewigkeit her gewesen war:
40 Sie sollten sich keineswegs genieren,
Sich auch einmal als Teufel gerieren,
Auf jede Weise den Sieg erringen
Und hierauf das Tedeum singen.
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen,
45 Und siehe die Teufel waren geschlagen.
Natürlich fanden sie hinterdrein,
Es sei recht hübsch ein Teufel zu sein.
                        -
Wenn auch der Held sich selbst genug ist,
50 Verbunden geht es doch geschwinder;
Und wenn der Überwundne klug ist,
Gesellt er sich zum Überwinder.
                        -
Die reitenden Helden vom festen Land
55 Haben jetzt gar viel zu bedeuten;
Doch stünd' es ganz in meiner Hand,
Ein Meerpferd möcht' ich reiten.
                        -
Am Jüngsten Tag, vor Gottes Thron,
60 Stand endlich Held Napoleon.
Der Teufel hielt ein großes Register
Gegen denselben und seine Geschwister,
War ein wundersam verruchtes Wesen:
Satan fing an es abzulesen.
65     Gott Vater, oder Gott der Sohn,
Einer von beiden sprach vom Thron,
Wenn nicht etwa gar der heilige Geist
Das Wort genommen allermeist:
    »Wiederhol's nicht vor göttlichen Ohren!
70 Du sprichst wie die deutschen Professoren.
Wir wissen alles, mach' es kurz!
Am Jüngsten Tag ist's nur ein ....
Getraust du dich, ihn anzugreifen,
So magst du ihn nach der Hölle schleifen.«
75                         -
Ich kann mich nicht betören lassen,
Macht euren Gegner nur nicht klein
Ein Kerl den alle Menschen hassen
Der muß was sein.
80                         -
  Wolltet ihr in Leipzigs Gauen
  Denkmal in die Wolken richten,
  Wandert, Männer all' und Frauen,
  Frommen Umgang zu verrichten!
85     Jeder werfe dann die Narrheit,
  Die ihn selbst und andre quälet,
  Zu des runden Haufens Starrheit,
  Nicht ist unser Zweck verfehlet.
  Ziehen Junker auch und Fräulen
90   Zu der Wallfahrt stillem Frieden,
  Wie erhabne Riesensäulen
  Wachsen unsre Pyramiden.
                        -
Gott Dank! daß uns so wohl geschah,
95 Der Tyrann sitzt auf Helena!
Doch ließ sich nur der eine bannen,
Wir haben jetzo hundert Tyrannen.
Die schmieden, uns gar unbequem,
Ein neues Kontinental-System.
100 Teutschland soll rein sich isolieren,
Einen Pest-Cordon um die Grenze führen,
Daß nicht einschleiche fort und fort
Kopf, Körper und Schwanz von fremdem Wort.





Entstehungsjahr: 1827
Erscheinungsjahr: 1833
Aus: Nachlese 1800-1832 / Zahme Xenien IX
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 2. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 739-741.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.