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Johann Wolfgang von Goethe

[Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert]

Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,
    Lauter und reizender spricht Vorwelt und Mitwelt zu mir.
Ich befolge den Rat, durchblättre die Werke der Alten
    Mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuß.
5 Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt,
    Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt.
Und belehr' ich mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens
    Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh ich erst recht den Marmor, ich denk' und vergleiche,
10     Sehe mit fühlendem Aug', fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages;
    Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen,
    Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und denke mir viel.
15 Oftmals hab' ich auch schon in ihren Armen gedichtet
    Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,
Ihr auf den Rücken gezählt, sie atmet in lieblichem Schlummer
    Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins tiefste die Brust.
Amor schüret indes die Lampe und denket der Zeiten,
20     Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan.





Entstehungsjahr: 1788
Erscheinungsjahr: 1795
Fassung: Mittlere
Aus: / Römische Elegien 5
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 1. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 405+407.
Bemerkungen
Sogenannte »Horen-Fassung«, vergleiche die Handschriftenfassung »Erotica Romana« 6. Elegie.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: [Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert] , entstanden 1788
Späte Fassung: [Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert] , entstanden 1788

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.