Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Wolfgang von Goethe

Eins und Alles

Im Grenzenlosen sich zu finden
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
5 Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuß.
Weltseele komm uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
10 Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu dem der alles schafft und schuf.
Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
15 Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden,
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.
Es soll sich regen, schaffend handeln,
20 Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.





Entstehungsjahr: 1821
Erscheinungsjahr: 1827
Aus: Die Sammlung von 1827 / Gott und Welt
Referenzausgabe:
Karl Eibl: Johann Wolfgang Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, Bd. 2. Deutscher Klassiker-Verlag: 1987, S. 494-495.
Bemerkungen
Erstdruck in »Morgenblatt« 24.9.1823

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.