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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Heinrich Leuthold

Der Waldsee

Wie bist du schön, du tiefer, blauer See!
Es zagt der laue West, dich anzuhauchen,
Und nur der Wasserlilie reiner Schnee
Wagt aus dem keuschen Busen dir zu tauchen.
5 Hier wirft kein Fischer seine Angelschnur,
Kein Kahn wird je durch deine Fluten gleiten!
Gleich einer Dithyrambe der Natur
Rauscht nur der Wald durch diese Einsamkeiten!
Wildrosen streun dir Weihrauch, ihr Arom
10 Und schlanken Tannen, die dich rings umragen,
Und die, wie Säulen einen mächt'gen Dom,
Ob sich des Himmels blau Gewölbe tragen.
Einst kannt' ich eine Seele, ernst, voll Ruh,
Die sich der Welt verschloß mit sieben Siegeln,
15 Die, rein und tief, geschaffen schien wie du,
Nur um den Himmel in sich abzuspiegeln.





Entstehungsjahr: 1842-1879
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Lieder
Referenzausgabe:
Emil Sulger-Gebing: Heinrich Leuthold. Lyrische Dichtungen. H. Haessel Verlag, Leipzig: 1923, S. 17.
Bemerkungen
Das Entstehungsdatum des Gedichtes ist von den Lebensdaten des Autors abgeleitet.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.