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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Nicolaus Becker

Die treue Haut

Sie hatten einen Vetter da,
Dem Gutheit aus den Augen sah.
Ich fragte sie: was thut der hier?
Antworten sie: »Den nähren wir
5 Aus Christenpflicht, um Gottes Lohn,
Er wohnt bei uns seit Langem schon.«
Und priesen insgesammt ihn laut,
Er sei so eine treue Haut.
Sie luden Gäst' in großer Zahl,
10 Sie sagten ihm: »Besorg' das Mahl!«
Da ist er hin und her gerannt,
Bis Alles auf der Tafel stand.
Sie saßen freudig rings umher,
Am Katzentischchen selber er;
15 Doch priesen sie zum Schluß ihn laut,
Er sei so eine treue Haut.
Und als sie nun gefahren aus,
Sie sagten ihm: »Bewach' das Haus,
Die Kinder hüt', verpfleg' das Vieh,
20 Und halte gute Ordnung hie!«
Er hat es fleißig so vollbracht.
Sie kehrten heim in später Nacht,
Sein Licht sie nahmen, priesen's laut,
Er sei so eine treue Haut.
25 Und wenn das Seil am Brunnen brach,
Der Eimer in der Tiefe lag,
Und wenn die Birne und die Pflaum'
Reif waren auf dem steilsten Baum;
Was sich begab in Ernst und Spaß,
30 Sie sagten ihm: »Thu' Dies und Das!«
Und priesen, wenn's geschehn, ihn laut,
Er sei so eine treue Haut.
Sie legten, als er krank und schwach,
Ihn in die Kammer unters Dach.
35 Sie sagten ihm: »Bist du gesund,
So thu' es uns nur eben kund.«
Doch hat er's nicht mehr kund gemacht;
Denn er verschied in selber Nacht.
Da klagten sie's den Nachbarn laut:
40 »Schad', daß er starb, die treue Haut!«





Entstehungsjahr: 1824-1841
Erscheinungsjahr: 1841
Aus: Zweites Buch
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Nicolaus Becker. Verlag von M. DuMont-Schauberg, Köln: 1841, S. 161-163.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.