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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Karl Isidor Beck

Das rote Lied

Sechs heißblutige Hengste tosen
    Ueber die Haide von Debreczin,
    Sitzt ein Herzog der Franzosen
    Stolz im goldnen Wagen drin.
5 Träumt, aufs Haupt die Krone zu heben,
    Flammt sein Antlitz lichterloh;
    Von der Heimat mutigen Reben
    Träumt der Herzog von Bordeaux.
Nachten die Wolken trüb und trüber,
10     Jagen die Hengste, stiebt der Sand,
    Jagen an einer Schenke vorüber,
    Einsam stehend im Haideland.
Aus dem Gehöft mit flatternder Mähne
    Stürzen Zigeuner, mit Weib und Kind:
15     Herre, Du hoher, und nimmer wähne,
    Daß wir Räuber und Mörder sind.
Redlich sind wir, fromme Christen,
    Von den Händen in den Mund
    Leben wir, arm und still, und nisten
20     Heimatlos auf fremdem Grund.
Herre, befiehl, das Instrumente
    Jauchzt Dir ein Lied mit Macht und Macht,
    Daß ein trotziger fremder Studente
    Pfiff auf der Haide bei Nebel und Nacht.
25 Freudvoll und leidvoll hat er gepfiffen,
    Herre, wir haben die Melodie
    Flugs auf den Saiten nachgegriffen,
    Noten lernt der Zigeuner nie.
War uns so bang an jenem Abend,
30     Jesus! und Niemand wußte warum?
    Geister, keine Ruhe habend,
    Schlichen um unsre Streu herum.
Wünschten der Nacht des Adlers Schwingen,
    Wünschten mit Schmerzen den Sonntag her,
35     Da wir wollten das Liedlein singen,
    Hochrot, schön, wie keines mehr.
Da wirs spielten frisch in der Schenke,
    Hat der Wirt mit den Gästen gezecht,
    Rascher stieg ins Gehirn das Getränke,
40     Und ein Herre schien der Knecht. – –
Gnädig blickt er und nickt und winket,
    Und sie geigen mit mächtigem Zug –
    Und er zittert, die Thräne blinket,
    Tonlos ruft er: Genug – genug!
45 Und er schleudert die Münzen zur Erde,
    Und es greifen die Rappen aus –
    Schaut die Bande mit banger Geberde
    Fliegen und schwinden das goldene Haus.
Was ihn schmerzt, wer kann es wissen?
50     Was ein schönes Lied verbricht?
    Daß es ein Fürstenherz zerrissen,
    Ahnen die kindlichen Seelen nicht.
Daß es den Ahn vom herrlichen Throne,
    Freiheit predigend, trug zum Schafott;
55     Daß es dem Ohm die theuere Krone
    Niedergewettert, ein Blitz von Gott;
Daß er selber ein flüchtiger König –
    Gellt ihm Allons enfants! ins Ohr,
    Singt auf den Haiden unkentönig
60     Ihm des Zigeuners Geige vor. –
Sechs heißblütige Hengste tosen
    Ueber die Haide von Debreczin,
    Sitzt ein Herzog der Franzosen
    Traurig im goldenen Wagen drin.





Entstehungsjahr: 1832-1846
Erscheinungsjahr: 1846
Aus: Ungrische Melodieen
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Karl Beck. Verlag der Vossischen Buchhandlung, Berlin: 1846, S. 270-273.
Bemerkungen
Es ist nicht völlig klar, ob das Gedicht nicht doch bereits früher gedruckt wurde.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.