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Christian Adolf Overbeck

An den Mai

Komm, lieber Mai, und mache
Die Bäume wieder grün!
Und laß mir an dem Bache
Die kleinen Veilchen blühn!
5 Wie möcht' ich doch so gerne
Ein Blümchen wieder sehn!
Ach lieber Mai, wie gerne
Einmal spazieren gehn!
    In unsrer Kinderstube
10 Wir mir die Zeit so lang;
Bald werd' ich armer Bube
Vor Ungeduld noch krank.
Ach! bey den kurzen Tagen
Muß man sich obendrein
15 Mit den Vokabeln plagen,
Und immer fleißig seyn.
    Mein neues Steckenpferdchen
Muß jetzt im Winkel stehn;
Denn draußen in dem Gärtchen
20 Kann man vor Schnee nicht gehn.
Im Zimmer ists zu enge,
Und stäubt auch gar zu viel,
Und die Mama ist strenge;
Sie schilt aufs Kinderspiel.
25     Am meisten aber dauret
Mich Lottens Herzeleid;
Das arme Mädchen lauret
Recht auf die Blumenzeit.
Umsonst hohl' ich ihr Spielchen
30 Zum Zeitvertreib herbey;
Sie sitzt in ihrem Stühlchen,
Wie's Hühnchen auf dem Ey.
    Ach wenns doch erst gelinder
Und grüner draußen wär!
35 Komm, lieber Mai! wir Kinder,
Wir bitten gar zu sehr.
O komm! und bring vor allen
Uns viele Rosen mit!
Bring' auch viel Nachtigallen
40 Und schöne Kukuks mit!





Entstehungsjahr: 1775
Erscheinungsjahr: 1796
Fassung: Späte
Aus: Kinderlieder
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Sammlung vermischter Gedichte von Christian Adolf Overbeck. Friedrich Bohn und Compagnie, Lübeck und Leipzig: 1794, S. 195-197.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Sehnsucht nach dem Frühling , entstanden 1775

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.