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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Martin Usteri

Rundgesang
1793

        Freut Euch des Lebens,
        Weil noch das Lämpchen glüht;
        Pflücket die Rose,
        Eh' sie verblüht!
5 So mancher schafft sich Sorg' und Müh,
Sucht Dornen auf, und findet sie,
Und läßt das Veilchen unbemerkt,
Das ihm am Wege blüht.
                        Chor
10         Freut Euch des Lebens, u.s.w.
Wenn scheu die Schöpfung sich verhüllt,
Und lauter Donner ob uns brüllt,
So scheint am Abend, nach dem Sturm
Die Sonne, ach! so schön!
15                         Chor
        Freut Euch des Lebens, u.s.w.
Wer Neid und Mißgunst sorgsam flieht,
Genügsamkeit im Gärtchen zieht,
Dem schießt sie bald zum Bäumchen auf,
20 Das goldne Früchte bringt.
                        Chor
        Freut Euch des Lebens, u.s.w.
Wer Redlichkeit und Treue übt
Und gern dem ärmern Bruder giebt,
25 Da siedelt sich Zufriedenheit
So gerne bei ihm an.
                        Chor
        Freut Euch des Lebens, u.s.w.
Und wenn der Pfad sich furchtbar engt,
30 Und Mißgeschick uns plagt und drängt,
So reicht die holde Freundschaft stets
Dem Redlichen die Hand.
                        Chor
        Freut Euch des Lebens, u.s.w.
35 Sie trocknet ihm die Thränen ab,
Und streut ihm Blumen bis in's Grab;
Sie wandelt Nacht in Dämmerung,
Und Dämmerung in Licht.
                        Chor
40         Freut Euch des Lebens, u.s.w.
Sie ist des Lebens schönstes Band,
Schlagt, Brüder, traulich Hand in Hand,
So wallt man froh, so wallt man leicht,
In's beßre Vaterland.
45                         Chor
        Freut Euch des Lebens,
        Weil noch das Lämpchen glüht,
        Pflücket die Rose,
        Eh' sie verblüht!





Entstehungsjahr: 1793
Erscheinungsjahr: 1831
Aus: Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
David Heß: Dichtungen von Johann Martin Usteri, Bd. 3. Verlag von S. Hirzel, Leipzig: 1853, S. 3-5.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.