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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Nepomuk Vogl

Ein Friedhofsgang

Beim Todtengräber pocht es an,
»Mach auf, mach auf, du greiser Mann!«
»Thu' auf die Thür' und nimm den Stab,
Mußt zeigen mir ein theures Grab.«
5 Ein Fremder spricht's, mit strupp'gem Bart,
Verbrannt und rauh, nach Kriegerart.
»»Wie heißt der Theure, der euch starb,
Und sich ein Pfühl bei mir erwarb?««
»Die Mutter ist es, kennt ihr nicht
10 Der Marthe Sohn mehr am Gesicht?«
»»Hilf Gott, wie groß, wie braun gebrannt,
Hätt' nun und nimmer euch erkannt.««
»»Doch kommt und seht, hier ist der Ort,
Nach dem gefragt mich Euer Wort.««
15 »»Hier wohnt, verhüllt von Erd' und Stein,
Nun euer todtes Mütterlein.««
Da steht der Krieger lang und schweigt
Das Haupt hinab zur Brust geneigt.
Er steht und starrt zum theuren Grab
20 Mit thränenfeuchtem Blick hinab.
Dann schüttelt er sein Haupt und spricht:
»Ihr irrt, hier wohnt die Todte nicht.«
»Wie schlöß' ein Raum so eng' und klein
Die Liebe einer Mutter ein?!« –





Entstehungsjahr: vor 1842
Erscheinungsjahr: 1841
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Balladen und Romanzen von Johann N. Vogl. Verlag und Druck von J. B. Wallishausser, Wien: 1841, S. 20-21.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.