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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

Mariechen

Mariechen saß am Rocken,
Im Grase schlummert' ihr Kind;
Durch ihre schwarzen Locken
Weht' kühl der Abendwind.
5 Sie saß so sinnend, so traurig,
So ernst und geisterbleich;
Dunkle Wolken zogen schaurig,
Und Wellen schlug der Teich.
Der Reiher kreist' über dem Rohre,
10 Die Möwe streift' wild umher,
Der Staub fegt' wirbelnd am Wege,
Schon fielen die Tropfen schwer.
Und schwer von Mariechen's Wangen
Die heiße Thräne rinnt,
15 Und weinend in ihre Arme
Schließt sie ihr schlummernd Kind.
Wie schläfst Du so ruhig und träumest,
Du armer, verlaß'ner Wurm!
Es donnert, die Tropfen fallen,
20 Die Bäume schüttelt der Sturm!
Dein Vater hat Dich vergessen,
Dich und die Mutter Dein;
Du bist, Du armer Waise,
Auf der weiten Erde allein!
25 Dein Vater lebt lustig in Freuden;
Gott laß' es ihm wohl ergeh'n;
Er weiß nichts von uns Beyden,
Will Dich und mich nicht seh'n!
Und stürz' ich, während Du schlummerst,
30 Mit Dir in den tiefen See,
Dann sind wir Beyde geborgen,
Vorüber ist Gram und Weh! –
Da öffnet das Kind die Augen,
Blickt freundlich auf und lacht;
35 Die Mutter schluchzt und preßt es
An ihre Brust mit Macht!
Nein, nein wir wollen leben,
Wir Beyde, Du und ich!
Deinem Vater sey vergeben, –
40 Wie selig macht' er mich! –





Entstehungsjahr: 1805-1832
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Romanzen, Balladen, Lieder
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von J. Ch. Freiherrn von Zedlitz. J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen: 1832, S. 56-57.
Bemerkungen
Das Entstehungdatum des Gedichtes ist mangels weiterer Informationen an den Lebensdaten des Autors ausgelegt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.