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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Franz Kugler (F. Th. Erwin)

Heinrich der Heilige

Er stieg den Herzogstuhl herab:
»Du goldner Reif! du goldner Stab!
Du edles Hermelingewand!
Nun ist kein andrer Herr im Land!«
5 Und nächtens war es ihm, im Schlaf,
Als ob ein Wort das Ohr ihm traf,
Ihn dünkt, als ob sich aus der Wand
Hervorhub eine Riesenhand,
Die mit dem Finger Zeichen schrieb: –
10 »Nach sechsen« – und dann stehen blieb.
Verwirrt fuhr er vom Schlaf empor,
»Nach sechsen!« dröhnt's in seinem Ohr,
Nach sechsen! – Menschensohn, das ist
Der Tod! – sechs Tage nur sind Frist.
15 Da beugt er seinen stolzen Sinn,
Da warf er sich in Demuth hin
Vor dem, der einzig hält Gericht;
Und als des sechsten Morgens Licht
Den Erdenrund begann zu färben,
20 War willig er, bereit zu sterben.
Der Tag ging hin. die Nacht brach an. –
Die sechste Woche kam heran. –
Der sechste Mond, – er blieb ergeben,
Noch fristete der Herr sein Leben.
25 Und als das sechste Jahr entflohn,
Ward ihm verliehn der Kaiserthron.





Entstehungsjahr: 1823-1840
Erscheinungsjahr: 1840
Aus: Gedichte / Romanzen und Legenden
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gedichte von Franz Kugler. J. G. Cotta'scher Verlag, Stuttgart und Tübingen: 1840, S. 224.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.