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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Klaus Groth

Regenlied

Walle, Regen, walle nieder,
Wecke mir die Träume wieder,
Die ich in der Kindheit träumte,
Wenn das Naß im Sande schäumte;
5 Wenn die matte Sommerschwüle
Läßig stritt mit frischer Kühle,
Und die blanken Blätter tauten
Und die Saaten dunkler blauten.
Welche Wonne, in dem Fließen
10 Dann zu stehn mit nackten Füßen!
An dem Grase hinzustreifen
Und den Schaum mit Händen greifen.
Oder mit den heißen Wangen
Kalte Tropfen aufzufangen,
15 Und den neu erwachten Düften
Seine Kinderbrust zu lüften!
Wie die Kelche, die da troffen,
Stand die Seele atmend offen,
Wie die Blumen, düftetrunken
20 In dem Himmelstau versunken.
Schauernd kühlte jeder Tropfen
Tief bis an des Herzens Klopfen,
Und der Schöpfung heilig Weben
Drang bis ins verborgne Leben. -
25 Walle, Regen, walle nieder,
Wecke meine alten Lieder,
Die wir in der Thüre sangen,
Wenn die Tropfen draußen klangen!
Möchte ihnen wieder lauschen,
30 Ihrem süßen, feuchten Rauschen,
Meine Seele sanft betauen
Mit dem frommen Kindergrauen.





Entstehungsjahr: 1834-1893
Erscheinungsjahr: 1993
Aus: Hochdeutsche Gedichte / Erstes Fünfzig
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Klaus Groth's gesammelte Werke, Bd. 4. Verlag von Lipsius & Tischer, Kiel und Leipzig: 1893, S. 186-187.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.