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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

Die Büßende
Ballade

Hört, ihr lieben deutschen Frauen,
    Die ihr in der Blüthe seid,
    Eine Mähr' aus alter Zeit,
Die ich selbst nicht ohne Grauen
5 Euren Ohren kann vertrauen;
Denn mit Schrecken sollt ihr schauen,
    Wie ein Ritter, sonder Glimpf
    Rächte seines Vetters Schimpf.
In den alten Biederzeiten,
10     Da noch Keuschheit Sitte war,
    Und ein Weib nicht um ein Haar
Durft' aus ihrem Wege gleiten,
Kam ein Rittersmann von weiten,
Der zum Kaiser sollte reiten,
15     Von Navarra's Fürst gesandt
    In das heil'ge deutsche Land.
Einst da Strom und Nachtwind braus'te,
    Und sein Roß ermüdet war,
    Ward er eine Burg gewahr,
20 Wo ein deutscher Ritter haus'te,
Dessen Hof der Sturm durchsaus'te,
Und der Ulmen Haupt zerzaus'te;
    Freudig leitet' er sein Roß
    An das hochgethürmte Schloß.
25 Laut klopft er an's Thor; es klappen
    Ihm die Zähn', er war erstarrt;
    Denn des Winters Frost war hart.
Bald erschienen edle Knappen,
Forschten nach des Fremdlings Wappen,
30 Hielten seinen treuen Rappen,
    Führten dann bei Fackelschein
    Ihn in den Pallast hinein.
Herzlich, nach der Deutschen Weise,
    Ging auf ihn der Deutsche zu:
35     »Komm, geneuß bei mir der Ruh'
Nach der schweren Winterreise,
Und erquicke dich mit Speise!
Sieh', es glänzt von Reif und Eise
    Dir das Haupthaar und der Bart;
40     Auch ist deine Hand erstarrt.« –
Bei der krummen Hörner Schalle
    Führt' er den erfrornen Mann,
    Einen Windelsteig hinan,
In die kerzenvolle Halle.
45 Seine Väter standen alle,
Aus gegossenem Metalle,
    Schön gewappnet, ohne Zahl
    In dem ungeheuren Saal.
Hier heißt er das Mahl bereiten,
50     Und schon sitzen sie am Tisch.
    Unsre Helden trinken frisch
Aus Pokalen und aus breiten
Tummlern, nach dem Brauch der Zeiten;
Rheinwein und Tokayer gleiten
55     In die Kehlen glatt hinein,
    Welscher und Burgunder Wein.
Aber mitten in der Freude
    Oeffnet eine Thüre sich;
    Stumm und langsam feierlich,
60 Kommt ein Weib in schwarzen Kleide,
Ohne Gold, Geschmuck und Seide,
Abgehärmt von bitterm Leide,
    Mit geschornem Haupte, schön
    Wie der blasse Mond zu sehn.
65 Grauen überfiel und Beben
    Den Navarrer; er ward blaß;
    Ihm entsank ein Doppelglas,
Und er zweifelte, ob Leben
Wär' im Weibe, ob sie schweben,
70 Senken, oder sich erheben
    Würde, ein Gespenst der Nacht,
    Das in grausen Stunden wacht.
Aber näher kam sie ihnen,
    Setzte nun sich an den Tisch,
75     Aß zween Bissen Bord und Fisch,
Und sie schellte; da erschienen,
Mit des Mitleids trüben Mienen,
Knappen, ihrer Frau zu dienen;
    Einem winkt sie, er versteht
80     Ihren Jammerblick, und geht.
Und schon hält er in der Linken
    Einen Schädel, spült ihn rein,
    Gießet Wasser dann hinein,
Hält's ihr schweigend dar zu trinken;
85 Ach! sie läßt die Augen sinken,
Sieht den nassen Schädel blinken,
    Starret vor sich, trinkt ihn aus,
    Setzt ihn hin und wankt hinaus.
»Ich beschwöre dich, zu sagen,«
90     Hub der fremde Ritter an:
    »Was hat dir dies Weib gethan?
Wie kannst du mit diesen Plagen
So sie martern? wie ertragen
Ihrer Thränen stumme Klagen?
95     Sie ist schön, wie Engel sind,
    Und geduldig, wie ein Kind.« –
»Fremdling, sie ist schön! Ich baute
    Auf die Schönheit all' mein Glück;
    Labte mich an ihrem Blick,
100 Wann sie bei der sanften Laute
Fromm und liebend auf mich schaute!
Ach! mein ganzes Herz vertraute
    Sonder Zweifeln ich ihr an,
    War ein hochbeglückter Mann!
105 Ihre schönen Augen logen!
    Wer ergründet Weibessinn?
    Ihre Liebe war dahin,
Einem Buben zugeflogen,
Den ich in der Burg erzogen!
110 Lange hat sie mich betrogen;
    Meines Herzens Lieb' und Treu'
    Blieb sich immer gleich und neu!
Als ich einst von frohen Siegen
    Unvermuthet kam zurück,
115     Ach, da sah mein erster Blick,
Der sie fand nach langen Kriegen,
Sie in meinem Bette liegen
Mit dem Ehebrecher! Schmiegen
    Thät er wie ein Lindwurm sich,
120     Doch ihn traf der Todesstich!
Aber sie fiel mir zu Füßen,
    Flehend: »Herr, erbarme dich
    Meiner, und erwürge mich!
Laß mich mein Verbrechen büßen!
125 Sieh, das Eisen möcht' ich küssen,
Das da soll mein Blut vergießen,
    Und mich bald in jener Welt
    Meinem Trauten zugestellt!« –
In dem Augenblick gedachte
130     Ich in meinem Zorne doch
    Ihrer armen Seelen noch,
Und das Bild der Hölle brachte
Schrecken in mein Herz; doch wachte
Meine Rache noch, und fachte
135     Meines Zornes Gluth; ich sprach:
    »Büßen sollt du meine Schmach!
Aber nicht in deinem Leben! –
    Denn was hätt' ich deß Gewinn,
    So du führst zum Teufel hin?
140 Nein, mit Thränen, Flehn und Beben,
Magst du nach dem Heile streben,
Ob dir wolle Gott vergeben;
    Aber Jammer, Angst und Noth
    Geb' ich dir bis an den Tod!«
145 Da thät ich ihr Haupt bescheeren,
    Nahm ihr Gold und Edelstein,
    Hüllte sie in Trauer ein,
Ungerührt von ihren Zähren.
Welche Schmerzen sie verzehren,
150 Magst du von ihr selber hören.
    Fasse dich, und folge mir
    Hier durch diese Seitenthür!« –
Und er führt' ihn eine lange,
    Steile, dunkle Trepp' hinab.
155     »Ach! du führst mich in ein Grab!« –
Rief der Ritter, und ward bange.
»Graut dir schon vor diesem Gange?
Aber horch dem leisen Klage
    Einer Laute! Bei dem Klang
160     Singt sie ihren Bußgesang.« –
»Halt! nun sind wir an der Schwelle!« –
    Rief der Deutsche, stieß an's Schloß;
    Rasselnd sprang die Feder los,
Und sie sah'n sie in der Zelle.
165 Von den Augen stürzt die helle,
Gottgeweih'te Thränenquelle,
    Fließet, aus zerknirschtem Sinn,
    Auf das off'ne Psalmbuch hin.
»Ach! wie ist ihr Schicksal bitter!«
170     Ruft der Gast, und geht hinein.
    Stracks führt ihn an einen Schrein
Der gestrenge deutsche Ritter.
Wie getroffen vom Gewitter
Sieht er hinter einem Gitter,
175     O, wer hätte das geglaubt?
    Ein Gerippe sonder Haupt.
Als der Fremdling sich ermannte,
    Sprach der Deutsche: »Sieh' den Mann,
    Der dies Weib hier liebgewann,
180 Erst für sie im Stillen brannte,
Dann sein Feuer ihr bekannte;
Den sie ihren Trauten nannte,
    Der mit seiner Frevelthat
    Mir mein Bett beschimpfet hat!
185 Das ist nun ihr größtes Leiden,
    Daß sie ihren Ehemann,
    Der solch' Leid ihr angethan,
Muß beständig um sich leiden!
Jenes anblick gab ihr Freuden
190 Sonst, nun möcht' sie gern ihn meiden,
    Doch sie sieht ihn, und bei'm Mahl
    Ist sein Schädel ihr Pokal.« –
Ehe sie das Weib verlassen,
    Wünscht der Fremdling ihr Geduld,
195     Und Erlassung ihrer Schuld.
Sie antwortete gelassen
Mit gesenktem Blick, und blassen
Lippen: »Ritter, nicht zu fassen
    Ist mit Worten mein Vergehn!
200     Deiner Magd ist recht geschehn!« –
Freundlich wünschte sie den Rittern
    Gute Nacht! Sie gehen fort
    Aus dem jammervollen Ort.
Bilder ihrer Angst erschüttern
205 Den Navarrer; sie verbittern
Ihm den dunkeln Weg; es zittern
    Seine Kniee; banger Schweiß
    Ueberläuft ihn, kalt wie Eis.
Endlich kömmt er in sein Zimmer.
210     Bang' und kummervoll durchwacht
    Er die lange Winternacht.
Ach! er sah ihr Bildniß immer,
Wie sie bei der Lampe Schimmer
Spielte, sang und weinte. Nimmer
215     Ward wol je ein Weib gesehn,
    Das so elend war und schön.
Bei der goldnen Morgenröthe
    Thät er seine Rüstung an,
    Ging hinein zum deutschen Mann,
220 Nahm ihn bei der Hand und flehte,
Daß er, eh' der Gram sie tödte,
Aus dem Jammer sie errette;
    Sprach es, schwang sich auf sein Roß,
    Und verließ das alte Schloß.
225 Jahre währten ihre Leiden;
    Ihre helle Thräne sank
    Täglich in den bittern Trank.
Abgestorben alle Freuden,
Thät sie jedes Labsal meiden,
230 Thät an ihrem Gram sich weiden,
    Sang den frommen Bußgesang
    Täglich bei der laute Klang.
Endlich rührt ihr leises Stöhnen,
    Und ihr demuthvoller Schmerz
235     Des gestrengen Mannes Herz.
Wer vermag sich zu den Tönen
Leiser Klage zu gewöhnen?
Rührender bewegen Thränen
    Einer stummen Dulderin
240     Jeden felsenharten Sinn.
Sieh, er ließ sein rasches Dräuen,
    Ihr die ganze Lebenszeit
    Anzufügen solches Leid,
Sich aus Herzensgrunde reuen;
245 Nahm sich in sein Bett von neuem,
Thät sich weidlich mit ihr freuen;
    Zeugte Söhne, stark von Art,
    Töchter, wie die Mutter zart.
Unsre Frauen zu belehren
250     Hab' ich solches Kund gemacht,
    Und in saub're Reimlein bracht;
Auch die Herrchen zu bekehren,
Die der Weiblein Herz bethören,
Und sich täglich bei uns mehren.
255     Tausend Schädel, die wir sehn,
    Sollten auf dem Schenktisch stehn.





Entstehungsjahr: 1777
Erscheinungsjahr: 1820
Aus: Oden, Lieder und Balladen
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gesammelte Werke der Brüder Christian und Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg, Bd. 1. Perthes und Besser: 1820, S. 162-172.
Bemerkungen
In Vers 169 fehlt in der Referenzvorlage das schließende Anführungszeichen.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.