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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Clemens Brentano (Maria)

Die lustigen Musikanten

Da sind wir Musikanten wieder,
Die nächtlich durch die Straßen ziehn,
Von unsren Pfeifen lustge Lieder
Wie Blitze durch das Dunkel fliehn. –
5                  Es brauset und sauset
                 Das Tambourin,
                 Es prasseln und rasseln
                 Die Schellen drin;
                 Die Becken hell flimmern
10                  Von tönenden Schimmern,
                 Um Kling und um Klang,
                 Um Sing und um Sang
                 Schweifen die Pfeifen, und greifen
                 Ans Herz
15                  Mit Freud und mit Schmerz.
Die Fenster gerne sich erhellen,
Und brennend fällt uns mancher Preis,
Wenn wir uns still zusammenstellen
Zum frohen Werke in den Kreis.
20                   Es brauset und sauset
                  Das Tambourin,
                  Es prasseln und rasseln
                  Die Schellen drin;
                  Die Becken hell flimmern
25                   Von tönenden Schimmern,
                  Um Kling und um Klang,
                  Um Sing und um Sang
                  Schweifen die Pfeifen, und greifen
                  Ans Herz
30                   Mit Freud und mit Schmerz.
An unsern herzlich frohen Weisen
Hat nimmer Alt und Jung genug,
Wir wissen alle hinzureißen
In unsrer Töne Zauberzug.
35                   Es brauset und sauset
                  Das Tambourin,
                  Es rasseln und prasseln
                  Die Schellen drin;
                  Die Becken hell flimmern
40                   Von tönenden Schimmern,
                  Um Kling und um Klang,
                  Um Sing und um Sang
                  Schweifen die Pfeifen, und greifen
                  Ans Herz,
45                   Mit Freud und mit Schmerz.
Schlug zwölfmal schon des Turmes Hammer,
So stehen wir vor Liebchens Haus,
Aus ihrem Bettchen in der Kammer
schleicht sie und lauscht zum Fenster raus.
50                  Es brauset und sauset
                 Das Tambourin,
                 Es prasseln und rasseln
                 Die Schellen drin;
                 Die Becken hell flimmern
55                  Von tönenden Schimmern,
                 Um Kling und um Klang,
                 Um Sing und um Sang
                 Schweifen die Pfeifen, und greifen
                 Ans Herz
60                  Mit Freud und mit Schmerz.
Wenn in des goldnen Bettes Kissen,
Sich küssen Bräutigam und Braut
Und glauben ganz allein zu wissen,
Macht bald es unser Singen laut.
65                  Es sauset und brauset
                 Das Tambourin,
                 Es prasseln und rasseln
                 Die Schellen drin;
                 Die Becken hell flimmern
70                  Von tönenden Schimmern,
                 Um Kling und um Klang,
                 Um Sing und um Sang
                 Schweifen die Pfeifen, und greifen
                 Ans Herz
75                  Mit Freud und mit Schmerz.
Bei stiller Liebe lautem Feste
Erquicken wir der Menschen Ohr,
Denn holde Mädchen, trunkne Gäste
Verehren unser klingend Chor.
80                 Es brauset und sauset
                Das Tambourin,
                Es rasseln und prasseln
                Die Schellen drin;
                Die Becken hell flimmern
85                 Von tönenden Schimmern,
                Um Kling und um Klang,
                Um Sing und um Sang
                Schweifen die Pfeifen, und greifen
                Ans Herz
90                 Mit Freud und mit Schmerz.
 Doch sind wir gleich den Nachtigallen,
 Sie singen nur bei Nacht ihr Lied,
 Bei uns kann es nur lustig schallen,
 Wenn uns kein menschlich Auge sieht.
95                   Es brauset und sauset
                  Das Tambourin,
                  Es rasseln und prasseln
                  Die Schellen drin;
                  Die Becken hell flimmern
100                   Von tönenden Schimmern,
                  Um Kling und um Klang,
                  Um Sing und um Sang
                  Schweifen die Pfeifen, und greifen
                  Ans Herz
105                   Mit Freud und mit Schmerz.
          DIE TOCHTER:
Ich habe einen Freund verloren,
Und meinen Vater schoß man tot;
Mein Sang ergötzet eure Ohren,
110 Und schweigend wein ich auf mein Brot.
                 Es brauset und sauset
                 Das Tambourin,
                 Es rasseln und prasseln
                 Die Schellen drin;
115                  Die Becken hell flimmern
                 Von tönenden Schimmern,
                 Um Sing und um Sang,
                 Um Kling und um Klang
                 Schweifen die Pfeifen, und greifen
120                  Ans Herz
                 Mit Freud und mit Schmerz.
           DIE MUTTER:
Ists Nacht? ists Tag? ich kanns nicht sagen,
Am Stabe führet mich mein Kind,
125 Die hellen Becken muß ich schlagen
Und ward von vielem Weinen blind.
                 Es sauset und brauset
                 Das Tambourin,
                 Es rasseln und prasseln
130                  Die Schellen drin;
                 Die Becken hell flimmern
                 Von tönenden Schimmern,
                 Um Sing und um Sang,
                 Um Kling und um Klang
135                  Schweifen die Pfeifen, und greifen
                 Ans Herz
                 Mit Freud und mit Schmerz.
           DIE BEIDEN BRÜDER:
Ich muß die lustgen Triller greifen,
140 Und Fieber bebt durch Mark und Bein,
Euch muß ich frohe Weisen pfeifen,
Und möchte gern begraben sein.
                 Es sauset und brauset
                 Das Tambourin,
145                  Es rasseln und prasseln
                 Die Schellen drin;
                 Die Becken hell flimmern
                 Von tönenden Schimmern,
                 Um Kling und um Klang,
150                  Um Sing und um Sang
                 Schweifen die Pfeifen, und greifen
                 Ans Herz
                 Mit Freud und mit Schmerz.
           DER KNABE:
155 Ich habe früh das Bein gebrochen,
Die Schwester trägt mich auf dem Arm,
Aufs Tambourin muß rasch ich pochen –
Sind wir nicht froh? Daß Gott erbarm!
                 Es brauset und sauset
160                  Das Tambourin,
                 Es rasseln und prasseln
                 Die Schellen drin;
                 Die Becken hell flimmern
                 Von tönenden Schimmern,
165                  Um Kling und um Klang,
                 Um Sing und um Sang
                 Schweifen die Pfeifen, und greifen
                 Ans Herz
                 Mit Freud und mit Schmerz.





Entstehungsjahr: 1801
Erscheinungsjahr: 1801
Aus: Godwi / Zweiter Teil
Referenzausgabe:
Wolfgang Frühwald (Bd. 1) / Bernhard Gajek (Bd. 1) / Friedhelm Kemp (Bd. 1): Clemens Brentano. Werke, Bd. 2. Carl Hanser Verlag, München: 1963, S. 396-400.
Bemerkungen
Aus "Godwi"; Gedicht korrigiert und mit SUZ versehen.

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.