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Clemens Brentano (Maria)

Kettenlied eines Sklaven an die Fesselnde zur letzten Stunde des Jahres 1834 geschlossen

Einsam will ich untergehen
Keiner soll mein Ende wissen
Wird der Stern, den ich gesehen,
Von dem Himmel mir gerissen,
5 Will ich einsam untergehen
Wie ein Pilger in der Wüste.
Einsam will ich untergehen
Wie ein Pilger in der Wüste
Wenn der Stern den ich gesehen
10 Mich zum letzten Male grüßte
Will ich einsam untergehen
Wie ein Bettler auf der Heide.
Einsam will ich untergehen
Wie ein Bettler auf der Heide
15 Gibt der Stern den ich gesehen
Mir nicht ferner das Geleite
Will ich einsam untergehen
Wie der Tag im Abendgrauen.
Einsam will ich untergehen
20 Wie der Tag im Abendgrauen
Will der Stern, den ich gesehen
Nicht mehr zu mir niedertauen
Will ich einsam untergehen
Wie ein Sklave an der Kette.
25 Einsam will ich untergehen
Wie ein Sklave an der Kette
Blickt der Stern, den ich gesehen
Nicht mehr auf mein Dornenbette
Will ich einsam untergehen
30 Wie ein Schwanenlied im Tode.
Einsam will ich untergehen
Wie ein Schwanenlied im Tode
Ist der Stern den ich gesehen
Mir nicht mehr ein Friedensbote
35 Will ich einsam untergehen
Wie der Mond in wüsten Meeren.
Einsam will ich untergehen
Wie der Mond in wüsten Meeren
Wird der Stern, den ich gesehen
40 Jemals weg von mir sich kehren
Will ich einsam untergehen
Wie der Trost in stummen Schmerzen.
/p> Einsam will ich untergehen
Wie der Trost in stummen Schmerzen
45 Sollt' den Stern, den ich gesehen
Jemals meine Schuld verscherzen
Will ich einsam untergehen
Wie mein Herz in deinem Herzen.
Einsam will ich untergehen
50 Wie mein Herz in deinem Herzen
Kehrt der Stern, den ich gesehen
Kalt sich ab von meinen Schmerzen
Will ich einsam untergehen
Wie mein Blick in deinen Blicken.
55 Einsam will ich untergehen
Wie mein Blick in deinen Blicken
Wird der Stern, den ich gesehen
Nicht mehr nickend mich entzünden
Will ich einsam untergehen
60 Wie die Blume deiner Lippen.
Einsam will ich untergehen
Wie die Blume deiner Lippen
Zeigt der Stern, den ich gesehen
Nicht den Weg mehr durch die Klippen
65 Will ich einsam untergehen
Wie mein Kuß an deinen Wangen.
Einsam will ich untergehen
Wie mein Kuß an deinen Wangen
Bricht der Stern, den ich gesehen
70 Nicht mein Herz mehr mit Verlangen
Will ich einsam untergehen
Wie die Träne dir im Busen.
Einsam will ich untergehen
Wie die Träne dir im Busen
75 Weckt der Stern, den ich gesehen
Mir nicht lächelnd mehr die Musen
Will ich einsam untergehen
Wie mein Dank zu deinen Füßen.
Einsam will ich untergehen
80 Wie mein Dank zu deinen Füßen
Wird der Stern, den ich gesehen
Nicht mehr mild mein Leid versüßen
Will ich einsam untergehen
Wie mein Licht in deiner Sonne.
85 Einsam will ich untergehen
Wie mein Licht in deiner Sonne
Bricht der Stern, den ich gesehen
Wie mein Blick in dir du Wonne
Will ich einsam untergehen
90 Wie dein Nam' in Todes Munde.
Einsam will ich untergehen
Wie dein Nam' in Todes Munde
Taut der Stern, den ich gesehen
Nicht mehr Lindrung meiner Wunde
95 Will ich einsam untergehen
Wie ein Kind stirbt, eh' geboren.
Einsam will ich untergehen
Wie ein Kind stirbt, eh' geboren
Geht der Stern, den ich gesehen
100 Geht dein Stern mir je verloren
Will ich einsam untergehen
Wie mein Herz vor dir Cäcilie.
Einsam will ich untergehen
Wie mein Herz vor die Cäcilie
105 Lacht der Stern, den ich gesehen
Mir nicht mehr auf dir du Lilie
Will ich einsam untergehen
Wie allein, allein, alleine.
Einsam will ich untergehen
110 Wie allein, allein, alleine
Blitzt der Stern, den ich gesehen
Nicht in Tränen die ich weine
Will ich einsam untergehen
Wie arm Lind fleht bitte, bitte.
115 Einsam muß ich heim nun gehen
Auf arm Lindis »bitte, bitte,«
O mein Stern, dein süßes Flehen,
wenn du wüßtest, was ich bitte
Hätte mir noch zugesehen,
120 Bis mein Herz brach in der Mitte.
Einsam muß ich heim nun gehen
Und mein Herz brach in der Mitte,
Stern, du hast mich angesehen,
Hast gefesselt meine Schritte,
125 Mußt doch einsam untergehen
Wie dies Jahr zur zwölften Stunde.
Untergehen, auferstehen
Stern der Lieb' – jetzt schlägt die Stunde!
Stern willst du jetzt schlafen gehen?
130 Tauch' zu meines Herzens Grunde,
Brauchst nicht links nicht rechts zu drehen,
es ist dein und Wund' an Wunde.
Wund' an Wunde – o süß Liebchen!
Neue Wunde ist das Grübchen,
135 Das der Liebe Stern eindrücket,
Wenn entschlummernd süß er zücket,
Und verwundend Strahlen schießet
Auges Wimper, die sich schließet.
Ruh' fein still am kleinen Kissen -
140 Ach ich hab' dran weinen müssen!
Sei in Dornen, meine Lilie!
Wie ein Rosenzaun, Cäcilie,
Soll mein Lieben dich umschließen
Dirwärts nur die Rosen sprießen
145 Mirwärts nur die scharfen Dornen,
Die mich zum Verbluten spornen.
Duftet Rosen ihr der Süßen,
Da ich jetzt dies Jahr mit Büßen,
Einen dichten Kranz von Schmerzen
150 All erblüht in meinem Herzen,
All erbaut in bangem Sehnen
All betaut von heißen Tränen,
Ihr demütig lag zu Füßen,
Ach die ihn nicht von sich stießen,
155 Die ich durfte treu umschlingen
Stirb Jahr, nichts mehr kannst du bringen,
Selig starb die letzte Rose
Still entblättert ihr im Schoße!





Entstehungsjahr: 1834-1842
Erscheinungsjahr: 1852
Fassung: Späte
Aus: Gedichte 1820-1833
Referenzausgabe:
Wolfgang Frühwald (Bd. 1) / Bernhard Gajek (Bd. 1) / Friedhelm Kemp (Bd. 1): Clemens Brentano. Werke, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1968, S. 596-601.
Bemerkungen
2.Fassung von "Einsam will ich untergehen"
Gedicht überarbeitet und mit SUZ versehen.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: [Einsam will ich untergehn] , entstanden 1817

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.