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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Magnus Gottfried Lichtwer

Die seltsamen Menschen

Ein Mann, der in der Welt sich trefflich umgesehn,
      Kam endlich heim von seiner Reise,
      Die Freunde liefen schaarenweise,
Und grüßten ihren Freund; so pflegt es zu geschehn,
5 Da hieß es allemal: Uns freut von ganzer Seele
      Dich hier zu sehn, und nun: Erzähle!
Was ward da nicht erzählt? Hört, sprach er einst, ihr wißt,
Wie weit von uns'rer Stadt zu den Huronen ist,
      Eilfhundert Meilen hinter ihnen,
10       Sind Menschen, die mir seltsam schienen,
      Sie sitzen oft bis in die Nacht,
      Beisammen vest auf einer Stelle,
      Und denken nicht an Gott noch Hölle.
Da wird kein Tisch gedeckt, kein Mund wird naß gemacht,
15 Es könnten um sie her die Donnerkeile blitzen,
Zwei Heer' im Kampfe stehn; sollt auch der Himmel schon
      Mit Krachen seinen Einfall drohn,
      Sie blieben ungestöret sitzen.
Denn sie sind taub und stumm; doch läßt sich dann und wann
20 Ein halbgebrochner Laut aus ihrem Munde hören,
Der nicht zusammen hängt, und wenig sagen kann,
Ob sie die Augen schon darüber oft verkehren.
Man sah mich oft erstaunt zu ihrer Seite stehen,
      Denn wenn dergleichen Ding geschieht,
25       So pflegt man öfters hinzugehen,
      Daß man die Leute sitzen sieht.
Glaubt, Brüder! daß mir nie die gräßlichen Geberden
      Aus dem Gemüthe kommen werden,
Die ich an ihnen sah; Verzweiflung, Raserei,
30       Boshafte Freud' und Angst dabei,
      Die wechselten in den Gesichtern.
      Sie schienen mir, das schwör' ich euch,
An Wuth den Furien, an Ernst den Höllenrichtern,
      An Angst den Missethätern gleich.
35 Allein, was ist der Zweck? so fragten hier die Freunde,
Vielleicht besorgen sie die Wohlfahrt der Gemeinde?
Ach nein! So suchen sie der Weisen Stein? Ihr irrt,
So wollen sie vielleicht des Zirkels Viereck finden?
      Nein! So bereun sie alte Sünden?
40 Das ist es alles nicht. So sind sie gar verwirrt,
      Wenn sie nicht hören, reden, fühlen,
      Noch sehn, was thun sie denn? Sie spielen.





Entstehungsjahr: 1734-1783
Erscheinungsjahr: 1793
Aus: Gedichte / Zweites Buch 2
Referenzausgabe:
Ernst Ludwig Magnus von Pott: Magnus Gottfried Lichtwer's Schriften. Verlag von Carl Brüggemann: 1828, S. 82-83.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.