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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Clemens Brentano (Maria)

[Meister, ohne dein Erbarmen]

 Meister, ohne dein Erbarmen
 Muß im Abgrund ich verzagen,
 Willst du nicht mit starken Armen
 Wieder mich zum Lichte tragen.
5  Jährlich greifet deine Güte
 In die Erde, in die Herzen,
 Jährlich weckest du die Blüte,
 Weckst in mir die alten Schmerzen.
 Einmal nur zum Licht geboren,
10  Aber tausendmal gestorben,
 Bin ich ohne dich verloren,
 Ohne dich in mir verdorben.
 Wenn sich so die Erde reget
 Wenn die Luft so sonnig wehet,
15  Dann wird auch die Flut beweget,
 Die in Todesbanden stehet.
 Und in meinem Herzen schauert
 Ein betrübter, bittrer Bronnen,
 Wenn der Frühling draußen lauert,
20  Kommt die Angstflut angeronnen.
 Weh durch gift'ge Erdenlagen,
 Wie die Zeit sie angeschwemmet,
 Habe ich den Schacht geschlagen
 Und er ist nur schwach verdämmet.
25  Wenn nun rings die Quellen schwellen,
 Wenn der Grund gebärend ringet
 Brechen her die bittern Wellen,
 Die kein Witz, kein Fluch mir zwinget.
 Andern ruf' ich: schwimme! schwimme!
30  Mir kann solcher Ruf nicht taugen,
 Denn in mir ja steigt die grimme
 Sündflut, bricht aus meinen Augen.
 Und dann scheinen bös Gezüchte
 Mir die bunten Lämmer alle,
35  Die ich grüßte, süße Früchte,
 Die mir reiften, bittre Galle.
 Herr, erbarme du dich meiner,
 Daß mein Herz neu blühend werde,
 Mein erbarmte sich noch keiner
40  Von den Frühlingen der Erde.
 Meister, wenn dir alle Hände
 Nahn mit süß erfüllten Schalen,
 Kann ich mit der bittern Spende
 Meine Schuld dir nimmer zahlen.
45  Ach! wie ich auch tiefer wühle,
 Wie ich schöpfe, wie ich weine,
 Nimmer ich den Schwall erspüle
 Zum Kristallgrund fest und reine.
 Immer stürzen mir die Wände,
50  Jede Schicht hat mich belogen,
 Und die arbeitblut'gen Hände
 Brennen in den bittern Wogen.
 Weh der Raum wird immer enger,
 Wilder, wüster stäts die Wogen,
55  Herr, o Herr! ich treib's nicht länger,
 Schlage deinen Regenbogen!
 Herr ich mahne dich, verschone!
 Herr, ich hört' in jungen Tagen,
 Wunderbarer Segen wohne
60  Ach! in deinem Blute – sagen.
 Und so muß ich zu dir schreien,
 Schreien aus der bittern Tiefe,
 Könntest du auch nie verzeihen,
 Daß dein Knecht so kühnlich riefe.
65  Daß des Lichtes Quelle wieder
 Rein und heilig in mir flute,
 Träufle einen Tropfen nieder
 Jesus mir von deinem Blute.





Entstehungsjahr: nach 1838
Erscheinungsjahr: 1841
Fassung: Späte
Aus: Gedichte 1834-1842
Referenzausgabe:
Wolfgang Frühwald (Bd. 1) / Bernhard Gajek (Bd. 1) / Friedhelm Kemp (Bd. 1): Clemens Brentano. Werke, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1968, S. 620-622.
Bemerkungen
2.Fassung
Gedicht korrigiert und mit SUZ versehen.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe , entstanden 1824

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.