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Clemens Brentano (Maria)

Lureley

 Zu Bacharach am Rheine,
 Wohnt eine Zauberin,
 Die war so schön und feine
 Und riß viel Herzen hin,
5  Und machte viel zuschanden
 Der Männer rings umher,
 Aus ihren Liebesbanden
 War keine Rettung mehr.
 Der Bischof ließ sie laden
10  Vor geistliche Gewalt,
 Und mußte sie begnaden,
 So schön war ihr' Gestalt.
 Er sprach zu ihr gerühret,
 »Du arme Lore Lay.
15  Wer hat dich dann verführet
 Zu böser Zauberei.«
 »Herr Bischof laßt mich sterben,
 Ich bin des Lebens müd,
 Weil jeder muß verderben,
20  Der meine Augen sieht.
 Die Augen sind zwei Flammen,
 Mein Arm ein Zauberstab,
 O schickt mich in die Flammen,
 O brechet mir den Stab.«
25 »Den Stab kann ich nicht brechen,
 Du schöne Lore Lay,
 Ich müßte dann zerbrechen,
 Mein eigen Herz entzwei.
 Ich kann dich nicht verdammen,
30  Bis du mir erst bekennt
 Warum in deinen Flammen
 Mein eignes Herz schon brennt.«
 »Herr Bischof mit mir Armen
 Treibt nicht so bösen Spott,
35  Und bittet um Erbarmen
 Für mich den lieben Gott,
 Ich darf nicht länger leben,
 Ich lieb' kein Leben mehr,
 Den Tod sollt ihr mir geben,
40  Drum kam ich zu euch her.
 Ein Mann hat mich betrogen,
 Hat sich von mir gewandt,
 Ist fort von mir gezogen
 Fort in ein andres Land.
45  Die Blicke sanft und wilde,
 Die Wangen rot und weiß,
 Die Worte still und milde,
 Die sind mein Zauberkreis.
 Ich selbst muß drin verderben,
50  Das Herz tut mir so weh,
 Vor Jammer möcht' ich sterben,
 Wenn ich zum Spiegel seh'.
 Drum laßt mein Recht mich finden,
 Mich sterben, wie ein Christ,
55  Denn alles muß verschwinden
 Weil er mir treulos ist.«
 Drei Ritter ließ er holen:
 »Bringt sie ins Kloster hin,
 Geh, Lore! Gott befohlen,
60  Sei dein berückter Sinn.
 Du sollst ein Nönnchen werden,
 Ein Nönnchen schwarz und weiß.
 Bereite dich auf Erden
 Zum Tod mit Gottes Preis.«
65  Zum Kloster sie nun ritten,
 Die Ritter alle drei,
 Und traurig in der Mitten
 Die schöne Lore Lay.
 »O Ritter laßt mich gehen,
70  Auf diesen Felsen groß,
 Ich will noch einmal sehen,
 Nach meines Buhlen Schloß,
 Ich will noch einmal sehen
 Wohl in den tiefen Rhein,
75  Und dann ins Kloster gehen,
 Und Gottes Jungfrau sein.«
 Der Felsen ist so jähe,
 So steil ist seine Wand,
 Sie klimmen in die Höhe,
80  Da tritt sie an den Rand,
Und sprach: »Willkomm, da wehet
Ein Segel auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein.
85  Mein Herz wird mir so munter,
 Er muß der Liebste sein,«
 Da lehnt sie sich hinunter
 Und stürzet in den Rhein.
Es fuhr mit Kreuz und Fahne
90 Das Schifflein an das Land,
Der Bischof saß im Kahne,
Sie hat ihn wohl erkannt.
Daß er das Schwert gelassen,
Dem Zauber zu entgehn,
95 Daß er zum Kreuz tät fassen,
Das konnt' sie nicht verstehn.
 Wer hat dies Lied gesungen
 Ein Priester auf dem Rhein
 Und immer hat's geklungen,
100  Vom hohen Felsenstein
     Lureley
     Lureley
     Lureley.
 Als wären es meiner drei!





Entstehungsjahr: 1802
Erscheinungsjahr: 1852
Fassung: Späte
Aus: Gedichte 1795-1803
Referenzausgabe:
Wolfgang Frühwald (Bd. 1) / Bernhard Gajek (Bd. 1) / Friedhelm Kemp (Bd. 1): Clemens Brentano. Werke, Bd. 1. Carl Hanser Verlag, München: 1968, S. 115-118.
Bemerkungen
handschriftliche, spätere Fassung von "Zu Bacharach am Rheine".
Gedicht korrigiert und mit SUZ versehen.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: [Zu Bacharach am Rheine] , entstanden um 1800

Gedicht eingearbeitet von: Monika Spatz.