Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

August Kopisch

Der Klopfer

O du neugierig Fräulein du,
    Den Kobold willst du sehn! –
Die Neugier läßt ihr keine Ruh,
5     Er muß von hinnen gehn! –
Da war er fort von unserm Schloß,
    Den man den Klopfer hieß.
Die Mädchen all es sehr verdroß,
    Daß er das Schloß verließ.
10 Rein ward der Flur, indem man schlief,
    Man sah nicht wie's geschah!
Fehlt' einem was und eines rief:
    »Hol's Klopfer!« – Klapp, war's da!
Eh man den Brunnen noch erreicht –
15     Schwapp! – war der Krug gefüllt,
Und hübschen Mädchen doch so leicht,
    Als ob ihn jemand hielt.
Wenn einen Groschen man verlor
    Und Klopferchen war nah:
20 »Geh Klopfer, hol den Groschen vor!« –
    Klapp! – lag der Groschen da.
War man beschneit, so rief man: »Oh!
    Komm Klopfer, klopf' mich ab!«
Wie war klein Klopferchen da froh
25     Und klopfte auf und ab.
Gar fein klopft' er die Pelzlein aus
    Und putzte Mädchenschuh;
In Küch' und Keller, im ganzen Haus
    Half er ohne Rast und Ruh.
30 Und Erbsen lesen konnt' er flink!
    Schirr, pirr! – war alles rein.
Beim Rübchenschaben ging, berblink!
    Schibb, schibb, sein Messerlein.
Wie fein schnitt er die Bohnen und
35     Die Gurken zum Salat:
Die Klößchen macht' er niedlich rund,
    Auch briet er delikat!
Mit Tellern klappern war sein Spaß,
    Er wusch sie – ach, so rein!
40 Krystallhell putzt' er jedes Glas
    Und stellt es auf – so fein!
Recht wie ein Mäuslein kam er an
    Und klapperte mit was –
»Da wieg' das Kindlein« sprach man dann:
45     »Und hol mir dies und das!« –
Ach, in das gnäd'ge Fräulein gar
    Schien er verliebt zu sein
Und ließ sich narren immerdar
    Mit tausend Plackerein!
50 Er sah ihr an den Augen ab,
    Worauf ihr Wunsch gestellt: –
Sie hetzte ihn Trepp auf Trepp ab
    Und durch die ganze Welt.
Sie sprach: »da trag das Brieflein fort
55     Und bring die Antwort mir.« –
Da klapperte Klopfer fort von dort:
    Husch! war die Antwort hier.
»Wo mag mein Fingerhütchen sein?« –
    Tapp! lag es auf dem Tisch. –
60 »Mein Sessel ist von Staub nicht rein« –
    Husch! – fegt' ein Federwisch.
»Wer fädelt mir die Nadel ein?«
    Zipp! – saß der Faden drin. –
»Die Kerze giebt so matten Schein« –
65     Putz! – flog die Schnuppe hin! –
»Mich drückt der Schuh, – Pantoffel her!«
    Schurr, schurr, da standen sie!
»Ach wüßt' ich wo die Hitsche wär?«
    Ruckruck, da bracht' er die.
70 »Ach, wär der Junker hier, vom Stein!« –
    Der Klopfer stapft hinaus:
Da guckte der Junker schon herein
    Mit einem Blumenstrauß.
Oft sagte: lieber Klopfer, sie:
75     Reich mir dein Händlein dar. –
Sie sah's nicht, doch sie fühlte wie
    Es weich wie Seide war.
Da hielt sie ihn, wollt' endlich dann
    Ihn sehn leibhaftiglich;
80 Doch Klopfer fing zu blitzen an
    Und hub von dannen sich.
– Wenn nun kein Unheil draus entsteht,
    Daß er im Zorne ging:
Denn wo ein Geist im Zorne geht
85     Ists ein gefährlich Ding!





Entstehungsjahr: vor 1853
Erscheinungsjahr: 1856
Aus: Lieder / Teil III / Kleine Geister 3
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Gesammelte Werke von August Kopisch, Bd. 1. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin: 1856, S. 119-122.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.